Sonntag, 29. Mai 2016

Alltagsbeobachtung, länderübergreifend.
Diese schamhaft weggedrehten Köpfe des Prekariats – visueller Beweis der Rückkehr der sozialen Frage, grenz- und länderüberschreitend. Die Rezeption des Apartment-Komplexes, in dem sich meine Stipendiatenwohnung befindet, ist rund um die Uhr besetzt. Eine Art Tresen, brusthoch und dahinter ein Monitor und ein Sessel. Darauf die grauhaarigen Alten, Männer und Frauen im Rentenalter, die nicht den Eindruck erwecken, hier rund um die Uhr zu sitzen, weil ihnen zu Hause die Decke auf den Kopf fiele oder sie Lust hätten – wie es in der gut gelaunten Sprache der Privilegierten heißt – "noch mal was ganz anderes" zu machen. Sitzen tagein-tagaus hinter dieser Brustwehr, vergessene Wächter. Kaum oder gar nicht wahrgenommen von der Mehrheit der Mieter, Menschen aus allen Teilen der Welt, expats, vermutlich gut bezahlt und mit Jobs, die irgend etwas mit IT, communication und derlei zu tun haben. Darunter auch einige Deutsche und Polen, die über das Wochenende wieder nach Hause fahren. Und an den übrigen Tagen an den Alten, als wären es Dinge, ebenso blicklos vorbeilaufen wie alle anderen.

Was im übrigen keine Arroganz zu sein scheint. Vollauf beschäftigt mit ihren Smartphones, Designer-Kinderwagen vorbeischiebend oder Bio-Food-Tüten  aus dem nahe gelegenen Boutique-Supermarkt Alma in ihre Apartments schleppend, sind diese Leute vermutlich Teil jener neuen globalen Öko-Bourgeoisie, lebensweltlich liberal, polyglott und aufgeklärt. Kurz: Leute, mit denen man lieber ein Glas Wein trinken würde als auf ein Bier anzustoßen mit den Anderen, den Monolingualen, womöglich auch noch Ressentimentgesteuerten, die in den Demokratien des Westens schon lange nicht mehr traditionell links oder konservativ wählen, sondern den Hasardeuren eines national-sozialen Populismus hinterherlaufen. 

Nur, dass dieses Trennbild – hier die coolen Aufgeklärten, dort das verschwitzte, tumbe Volk – unscharf ist: Sind nämlich die von lächerlichen Bärten auf markant getrimmten Baby-Faces der 35jährigen Hipster-Familienväter (genau: jene mit den spitz zulaufenden Schuhen, taillierten Weißhemden unter der Anzugjacke oder in ridikül effeminierten, oberschenkellangen, schwarzen Rotkäppchenjäckchen) in unbeobachteten Momenten nicht auch voller Zukunftsangst und Abstiegspanik? Ganz zu schweigen von den Sinusmündern all der Helicoptermütter, um ihren sustainable und ökologisch ernährten Nachwuchs besorgt und doch vor allem gezeichnet von den Frustrationen jener Monogamie, die in unseren neo-puritanistischen Zeiten längst keinen John Updike mehr hat, um die Konvention zu verspotten.

Und "die Anderen", die sozial Abgehängten? Drehen auch hier in Wroclaw schon prophylaktisch die Köpfe weg, um ihrer Nichtbeachtung nicht ansichtig zu werden – genauso wie "mein" Briefträger in Berlin, der dünne Mittelalte vom privaten Unternehmen PIN, der mir an der Wohnungstür die Briefe und Päckchen mit einem scheuen Lächeln überreicht und dann noch jedes Mal - nun schon wieder auf dem Fahrrad strampelnd – verdutzt ist, wenn ich ihn auch auf der Straße grüße. Ebenso die Alten im Apartment-Komplex: Scheinen permanent überrascht, wenn ich bei der Rückkehr (da ich sie nun hinter der nach vorn offenen Brustwehr  richtig sehen kann) ein Dzień dobry oder Dobranoc sage. Nicht, dass sie etwa darauf warten würden. Nicht, dass sie – auch nach über einem Monat meines Hierseins – nicht zuerst einmal den Blick abwenden würden. 

Und: Nicht, dass ich in dieser Geschichte der Gute wäre. Hatte ich nicht manches Mal auch deshalb betont jovial gegrüßt, da ich frühmorgens zwar in korrekter Bekleidung, doch in diverser Begleitung wieder ins Haus eingerauscht war und von den Alten so etwas wie atmosphärische Zustimmung erheischen wollte – als wäre diese tatsächlich nötig? Einmal antwortete eine der Halb-Greisinnen mit einem "Dzień dobry-dzień dobry", doch in der vermeintlichen Leutseligkeit des Doppelgrußes schien auch das andere, Althergebrachte mitzuschwingen: Schlingel und Filou, bist dennoch keiner von uns – eher einer von denen. Partiell durchaus wahr. Obwohl mein Ururgroßvater zeitlebens stolz darauf war, den SPD-Mitbegründer und Bismarck-Gegner August Bebel noch persönlich kennengelernt zu haben. Obwohl dessen Sohn, mein Urgroßvater, dann in der Weimarer Republik Anarcho-Syndikalist war und zusammen mit meiner Urgroßmutter Broschüren verteilte. Gegen die Nazis und gegen die Kommunisten, denn den Arbeitern sollte es doch verdammt noch mal besser gehen und keiner sollte in ihrem Namen sprechen. 

Allerdings: Gut gehen sollte es ihnen, die Chance sollten sie haben, raus zu kommen aus ihrer engen Welt. Keine Proleten-Idealisierung, eher der Zorn auf soziale Ungerechtigkeit. Dazu der Philosophen-Spruch: "Verachte die Mächtigen und misstraue den Machtlosen."

Und all das geht mir durch den Kopf, während ich weiterhin  Dzien dobry oder Dobranoc sage und gleichzeitig – wie alle anderen im Haus – an den Alten vorbeilaufe und mich schon im Lift darauf freue, diese Gedanken zu ordnen, aufzuschreiben, zu posten. (Inklusive des "lustigen" Missverständnisses, als ich am ersten Tag noch "Hi" gesagt und einer der Alten wohl "Heil!" verstanden hatte und mich mit ungläubig aufgerissenen Augen anstarrte.) Denn da hilft alles "kritische Bewusstsein" nicht: Auch dies hier sind die Notizen eines sozial relativ Bessergestellten. (Auch wenn er diese Position, fragil genug,  dem eigenen Schreiben verdankt und keiner wie auch immer gearteten Ausbeutung Anderer – was nutzt dies schon jenen "Anderen"?) 

Gemessen an dieser Kluft, denke ich, bekommen die gängigen Symposiums-Überlegungen zu "deutsch-polnischen Differenzen" etwas rührend Anachronistisches. Als wäre "nationale Identität" der wirkliche Knackpunkt. Als litten die Eliten dies- und jenseits der Oder nicht im Moment beide an Konzeptionsmangel. Weder "rechte" Identitätsdebatten noch "linke" Primärsorgen um Toiletten für Transsexuelle aber bewahren vor dem Dilemma: Was, wenn immer mehr Menschen unseren Blicken entschwinden? In welchen Trichter landen sie und – möglicherweise – als welche furchterregenden, nach Rache sinnenden Mutanten kommen sie da wieder heraus? Dzień dobry, dobranoc …
     
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1 Kommentare:

juliaschwan hat gesagt…

Danke für diesen Blog und die detaillierte Beschreibung Ihrer Begegnungen (z. B. mit Peter Pragel) mit Menschen und der Stadt Breslau. All das weckt Erinnerungen an meinen Besuch vor einigen Jahren und es weckt Hoffnung und Sehnsucht, die Stadt wiederzusehen.
Ich freue mich auf neue Einträge von Ihnen! Viel Glück weiterhin! Judith S.

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