Mittwoch, 14. September 2016

Der Stadtschreiber sagt Danke (II)


Die fünf ereignisreichen Monate in Wrocław/Breslau enden auf höchst ambivalente Weise, und vielleicht ist das auch gut so: Nur  keine Idyllen-Pinselei im gegenwärtigen Europa!

Doch wie nobel war die Absicht der Ausstellungsmacher gewesen, in der Fußgängerzone der Ulica Świdnicka in Schautafeln an den antikommunistischen Freiheitskampf der achtziger Jahre zu erinnern. Hatte man die Rechnung ohne die Freiheitsfeinde von heute gemacht? Über Nacht hatten Extremisten die großformatigen Fotografien beschmiert und – in denunziatorischer Absicht – auf die Stirn von Lech Wałęsa den Davidstern gekritzelt. Auf diese Weise ebenfalls gezeichnet wurden die legendären Wrocławer Solidarność-Aktivisten Władysław Frasyniuk und Józef Pinior. Frasyniuk, der in den Jahren des Kriegsrechts der Verhaftung entwischte und den Widerstand aus dem Untergrund heraus organisierte, und Pinior, legendärer Schatzmeister der niederschlesischen Solidarność, der in einem Meisterstück das Gewerkschaftsgeld vor dem Zugriff der staatlichen Repressionsorgane gerettet und beim hiesigen Erzbischof deponiert hatte! 




Auf einer daraufhin zusätzlich aufgestellten Tafel fragten die Organisatoren nach den Gründen dieses Hasses – auf eindringliche, zivile Weise. So wie sich auch im gegenwärtigen Polen bestätigt, was einmal mein alter Freund Ralph Giordano sagte: „Der Hass ist immer auf Seiten der Täter …“ Denn wie bellten sie dann die üblichen „Volksverräter!“-Slogans in ihre Megaphone, jene extremistischen Wałęsa-Hasser, die sich am letzten Freitag nahe der Universität versammelt hatten, um gegen eine Diskussionsveranstaltung mit dem Friedensnobelpreisträger zu protestieren!

Messerdünne Jüngelchen mit schwarzen Krawatten und Armbinden-Symbolen, die ans Hakenkreuz erinnerten, dazu Alte mit Bierwampe – einer von ihnen auch jener Nazi, der vor einiger Zeit mitten auf dem Rynek eine Puppe verbrannt hatte, die einen Juden darstellen sollte …

Aber drinnen im Saale – welch gute, humane Gestimmtheit. Selbstverständlich standing ovations, als schließlich der Held meiner Kindheit und Jugend aufs Podium stapfte, aber keinerlei Hysterie und die öffentliche Aussprache über die gegenwärtige, von der Warschauer Regierung hauptverantwortete Verdächtigungs-Atmosphäre bei aller Besorgnis gelassen und souverän. Und Wałęsa? Machte ein paar Bemerkungen über Kaczynski, verzichtete jedoch auf jegliche Dämonisierung und Apokalyptik: „Vor dreißig Jahren war´s doch viel schlimmer, oder? Und wir haben schließlich trotzdem gesiegt!“ Und als unter dem Ansturm der Publikumsfragen die Saalmikrofone zu krächzen beginnen: „Leute, ich glaub´ fast, Ihr braucht ´nen Elektriker …“






Und wer übersetzte auch das, während der ganze Saal in frohgemutes Lachen ausbrach? Małgorzata Słabicka, während fünf Monate diejenige, die das Sprachfenster dieses Blogs nach Wrocław geöffnet hatte. Wobei sie nicht nur meine ellenlang mäandernden Sätze skrupulös ins Polnische übertrug, sondern auch derart aufmerksam war, im deutschen Original-Text mal dort ein fehlendes Komma, mal da einen abhanden gekommenen Buchstaben zu erspähen. Tausend Dank & Dziekuje, liebe Gosia! (Auch wenn wir, wegen des Schweigens der hiesigen Kulturinstitutionen, uns oftmals fragten, ob wir wohl die einzigen Leser der Texte wären – bis dann zahlreiche individuelle Feedbacks kamen, die erfreuten und erneut motivierten … Deshalb auch diesen Lektüre-Treuen in Polen und Deutschland ein ebenso von Herzen kommendes Dankeschön.)
Cheers !!




Natürlich auch ein großes Dankeschön meinem deutschen Stipendiumsgeber, dem Kulturforum östliches Europa – und dort vor allem André Werner, den Webmaster des Kulturforums und geduldigsten Beantworter auch noch meiner nervendsten Fragen, sobald mich wieder einmal das Digitale zu überfordern drohte;-))

Die Stipendiaten-Wohnung, wo diese Texte entstanden, wurde zur Verfügung gestellt vom hiesigen Künstleraustauschprogramm A-i-R-Wro, das – eine löbliche Aktivität – mich Mitte April zu einem Welcome-Dinner in ein Rynek-Restaurant eingeladen hatte, wo die Angehörigen dieser Institution begeistert Speis und Trank zusprachen und mitunter sogar die eine oder andere Frage an mich richteten. Amüsanter das Nachfolgende, traf ich doch in den Wochen darauf im berühmt-berüchtigten Cactus Club immer wieder jüngere Zeitgenossen, die mich mit Gratis-Wodka, bester Laune und geradezu irrwitzigen Geschichten versorgten, die vielleicht ja später einmal erzählt werden …

Entscheidend aber vor allem die Begegnungen mit Menschen, die das Bild dieser im wahrsten Wortsinn europäischen Kulturstadt geprägt haben – seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, mit langem Atem und Emphase statt „Project-speech“. Da wären etwa der stets gut gelaunte Stadthistoriker Maciej Łagiewski, dem die Wiederentdeckung und neue Wertschätzung des deutschen Kulturerbes maßgeblich mit zu verdanken ist. (Weshalb er von hiesigen Ultranationalisten – feindlichen Zwillingsbrüdern der inzwischen auch in Deutschland frustriert herumtobenden Wutbürger – mitunter so manche Invektive zu hören bekam.)




Da wäre natürlich die jüdische Norwegerin Bente Kahan, deren helles Lachen ich noch jetzt im Ohr habe – und welche Freude, ihr in Abständen immer wieder begegnet zu sein – die mit ihrer Stiftung nicht nur die Synagoge Zum weißen Storch als Erinnerungsort wieder zum Leben erweckte, sondern auch half, das jüdische Leben in Wrocław zu revitalisieren. (Kein Zufall, dass ihr polnischer Ehemann Alexander Gleichgewicht, ehemaliger Solidarność-Aktivist und Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde, einer der ersten war, die an der neuen Stellwand in der Ulica Świdnicka ihre Meinung kundtaten. eine pointierte Kampfansage gegen das Bigotte und gefährlich Lächerliche der gegenwärtigen Hass-Kampagnen.)




Nicht zu vergessen die junge Katarzyna Kurzynoga, die im ehemaligen legendären Oppenheim-Haus am Plac Solny interessierten Besuchern zeigt, wie liebevoll und detailklug Architekten aus einer Beinahe-Bauruine peu á peu ein Begegnungszentrum machen (www.openheim.org)

Stimulierend auch jedesmal der Austausch mit Krzysztof Ruchniewicz vom Willy-Brandt-Zentrum, das sich in einem lauschigen Winkel hinter der Oder befindet, ein Ort voll good vibrations und moderatem Diskurs statt eiferndem Gebell.




Und natürlich wäre da noch Frau Renate Zajączkowska von der Deutschen Sozial-Kulturellen-Gesellschaft, der Organisation der deutschen Minderheit in der Stadt. Als ich die rüstige und vor allem schlagfertige ältere Dame vor ein paar Tagen besuchte, um nachträglich zu ihrem 85. Geburtstag zu gratulieren, zeigte sie mit berechtigtem Stolz auf die zwei gerahmten Gratulationskarten – die eine von der Kanzlerin, die andere vom Bundesaußenminister. (Nebenbei bemerkt: Zwei Politiker, deren Parteien von den Hetzern auf der deutschen Seite der Oder nun bereits seit Monaten mit dem Nazi-Wort „Systemparteien“ belegt werden.)

„Wissen Sie was?“, sagt Frau Renate, deren Frisur auch an diesem Büro-Nachmittag perfekt gewellt ist, „wenn ich an das Elend der 1945 vertriebenen Deutschen denke, wenn ich dann nicht schlafen kann in Erinnerung an Dinge, die ich Ihnen lieber nicht erzähle, wenn all das wieder mal aufsteigt und Bitternis zu verursachen droht … Wissen Sie, was ich mir da sage? ‚Scheiß drauf‘, sag´ ich mir, wälz‘ die alten Dinge nicht dauernd hin und her, sondern sieh zu, dass Deine deutsch-polnischen Enkel weiter in Frieden und Harmonie aufwachsen können. Alles andere führt nämlich zu nichts …“

Welches Schlusswort wäre passender? Zeit für den Stadtschreiber, Adieu, czesc und allen Beteiligten nochmals Dank zu sagen und weiterzuziehen, denn gerade ist ja auch das neue Buch herausgekommen …



„Babylon“ ist hier freilich nicht nur Metapher für das Faszinosum der ethnisch gemischten großen Städte, sondern auch ein freundlicher Ort auf Long Island, den ich einst von einem afroamerikanischen Schaffner in gutturalem englisch hatte ankündigen hören: „Change the train in Babylon“. Während ich inzwischen jedoch an etwas Zusätzliches denken muss: Denn wie wacker dirigierte Frau Ewa Michnik Verdis „Nabucco“ mit der berühmten Gefangenen-Arie, als ich letzten Sommer das erste Mal hierher kam – noch nicht wissend, als ich in der Pause auf dem Balkon des Opernhauses stand, dass mich schon ein Jahr später mein täglicher Stipendiatengang genau hier vorbei führen würde. Ab jetzt also: Wrocław/Breslau on my mind.   

Auf Wiedersehen / Do Widzenia !
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