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Sonntag, 11. September 2016

Der Stadtschreiber sagt Danke (I)

Zeit, eine Art Resümee zu ziehen: Auf wessen breiten Schultern man stehen und schreiben darf (sogar eine solch verrutschte Metapher). Besser: Welche Bücher und Begegnungen entscheidend waren für die letzten fünf Monate einer ereignisreichen Stadtschreiber-Zeit, die sich nun ihrem Ende nähert.

Das allererste Breslau/Wrocław-Buch, bereits im Zug gelesen: Berlin-Poznań-Wrocław Główny. Roswitha Schiebs Literarischer Reiseführer Breslau, der mir im Sommer 2015 ja erst den Gedanken eingegeben hatte, mich für dieses Stadt-Stipendium zu bewerben. Eine bislang mir fremde Stadt, die sich lange vor Ankunft am Hauptbahnhof plötzlich offenbarte als Geburtsort oder erste Heimat der Vertrauten aus so vielen Lektüre-Stunden zuvor. Gerhart Hauptmann, Norbert Elias, Fritz Stern, Günther Anders, Walter Laqueur. Und natürlich: Das Wrocław von Tadeusz Różewicz!


Von all dem war in diesem Buch die Rede, detailliert mit Zitaten und sogar Angaben der Hausnummern der ehemals deutschen Straßen. Dazu – ein wenig später, ich war nun schon in der Stadt, saß auf dem Balkon meiner Stipendiatenwohnung vis-á-vis des RENOMA (ehemaliges Kaufhaus Wertheim) – der ebenfalls von Roswitha Schieb geschriebene Band zu den hiesigen Kulturdenkmälern, all dies liebevoll ediert und herausgegeben vom Kulturforum östliches Europa, meinem Stipendiumsgeber.

Dazu die persönlichen Begegnungen, die an zusätzliche Bücher heranführten (und neue Entdeckungen). Bereits im April unterwegs mit dem Journalisten Peter Pragal, der Ende der dreißiger Jahre in Breslau geboren wurde, gegen Kriegsende mit der Mutter flüchtete und darüber ein präzises Erinnerungsbuch geschrieben hatte, fern jeglicher Larmoyanz. „Wissen Sie, was mit den Ausschlag gegeben hatte, nun quasi im Herbst meines Lebens diese Erinnerungen aufzuschreiben?“

Peter Pragal, Jackett über den Unterarm gelegt, war auf dem Weg zur Oderinsel plötzlich stehen geblieben und hatte in die Sonne geblinzelt. „Heinrich Albertz´ Buch von 1985! Die Reise. Vier Tage, siebzig Jahre …“ Damals hatte sich der 1915 in Breslau geborene ehemalige Regierende Bürgermeister von Westberlin für vier Tage ins polnische Wrocław aufgemacht – voll berechtigter Scham über die Verbrechen oder das Schweigen seiner Generation. Peter Pragals Schlesien-Buch geht freilich über die linksprotestantische SPD-Perspektive des skrupulösen Pfarrers Albertz hinaus – zum Glück, denn so detailliert-kritisch dieser sogar die allzu wenigen und zaghaften Anti-Hitler-Christen beschrieb, so undifferenziert paternalistisch fiel dessen Urteil über das Polen der achtziger Jahre aus. (Dass das KP-Regime „verzweifelt“ versuche, die Wirtschaft in Gang zu bringen, der „wöchentlich wohlgenährter wirkende Wałesa“ jedoch weiter zu Streiks aufrufe, was aber hauptsächlich Ronald Reagan und der bundesdeutschen Rechten gefalle und ähnlicher Humbug, wie er damals selbst im nicht-kommunistischen, linksliberalen juste milieu Westberlins verbreitet war.)

Dann natürlich: Norman Davis´ Ziegelstein-Biographie Breslau – Blume Europas – quasi von der Urzeit bis ins Jahr 2000, eine angelsächsische Geschichtsschreibung at it‘s best, die sich nationalen Aufrechnereien und ideologischen Reduzierungen verweigert. ( Eine Herausforderung freilich, auf dem schmalen Baststuhl des Apartment-Balkons dieses 700-Seiten-Werk so zu balancieren, dass einem nicht alle fünf Minuten der Wadenkrampf packte …)

Vor allem aber: Bücher, die von der Fragilität und Vorläufigkeit unserer Existenz berichten, vom Kippen der sogenannten „gesellschaftlichen Zustände“, ehe aus Rauchsignalen Feuersbrünste werden. Und was für ein Glück und Privileg, die Zeugen solcher Brüche noch persönlich zu erleben …

„Ich bin gerade im Garten“; sagt Renate Lasker-Harpprecht am Telefon, „hier unten in Südfrankreich macht uns die Hitze besonders zu schaffen, und ich muss auf die Blumen acht geben. Zum Glück habe ich das Telefon bei mir, und ich geh´ jetzt mal schnell ins Haus, damit Sie mit Klaus sprechen können …“ Die Stimme der inzwischen weit über Neunzigjährigen klingt lebendig und frisch und kommt aus dem gleichen Mund, der am 16.September 1942 Zyankali geschluckt hatte, auf dem Weg vom Breslauer Hauptbahnhof ins Gefängnisgebäude an der damaligen Graupenstraße, heute Ulica Sądowa.



Renates Schwester, die heute ebenfalls hochbetagt in London lebende Cellistin Anita Lasker-Wallfisch, hat in ihrem Buch Ihr sollt die Wahrheit erben darüber geschrieben: Wie die zwei Lasker-Mädchen nach der Deportation ihrer geliebten Eltern plötzlich ganz auf sich selbst gestellt waren in diesem Waisenheim in der Wallstraße, heute Ulica Włodkowica. Wie sie die Zwangsarbeit in einer Papierfabrik dazu nutzten, französischen Kriegsgefangenen gefälschte Entlassungspapiere zu basteln – ein erfolgreiches Unterfangen, das Dutzenden dieser Malträtierten die Freiheit brachte.

Bis die Gestapo Verdacht schöpfte und die zwei Mädchen den tollkühnen Versuch wagten, mit ebenfalls gefälschten Papieren zu fliehen, doch bereits am Hauptbahnhof (dem heutigen Wrocław Główny) verhaftet wurden. Die für diesen Fall bereit gehaltenen Zyankali-Kapseln aber waren von einem guten Freund zuvor heimlich ausgetauscht worden, so dass die beiden schließlich nur Puderzucker schluckten, was ihnen das Leben retten sollte – vorerst. Renate und Anita, die dann im Gefängnis – längst als Jüdinnen identifiziert und mit weit Schlimmeren als Haft rechend – „wohl hundertmal am Tag auf die Turmuhr schauten“, da aus ihrer Gefängniszelle heraus. (Unmöglich, am noch heute dort präsenten, wuchtigen Gebäude an der Ecke Podwale/Sądowa vorbeizulaufen, ohne an die Todesfurcht der beiden Lasker-Mädchen zu denken.)

Und wurden dann, im Dezember 1943, zurück zum Bahnhof gebracht „und wir fuhren ab: Richtung OSTEN. Wir kamen in Auschwitz-Birkenau am Abend an …“ Und überlebten dennoch, wider alle Wahrscheinlichkeit. Anita als Angehörige des sogenannten „Lagerorchesters“, die im Inferno Cello zu spielen hatte, Renate unter dem Schutz ihrer Schwester. Überlebten die nachfolgende Deportation nach Bergen-Belsen, überlebten Hunger und Typhus. Wurden nach dem Krieg von der Französischen Republik für ihre Aktivitäten ausgezeichnet, vollbrachten das Wunder, dass ihr Überleben schließlich wieder zu Leben wurde.

„Gleich ist es soweit“, sagt Renate Lasker-Harpprecht am Telefon, „ich bin schon im Haus und reiche den Hörer mal an Klaus weiter …“ Ihr Ehemann Klaus Harpprecht, Jahrgang 1927, Publizist, Buchautor, ehemaliger ZDF-Korrespondent in Washington und Verleger, vor allem aber einst Redenschreiber und enger Vertrauter von Willy Brandt, sagt mit ebenso neugiersfrischer Stimme: „Scheint mir interessant zu sein, dieses Stipendium in Wrocław. Da gibt´s doch auch dieses Willy-Brandt-Zentrum, und nach allem was ich lese und höre, soll dessen Direktor eine wirklich formidable Arbeit machen. Na, den Willy würde es bestimmt freuen.“ Formidabel, sagt mein ehemaliger Verleger, der längst zum guten, großväterlichen Freund geworden ist; formidabel und der Willy. Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle, Intellektueller voller Empathie. „Besuchen Sie Renate und mich bald hier unten am Meer, wir werden ja nicht jünger …“ Seit über sechs Jahrzehnten sind die beiden ein Paar. Solche Menschen, solche Biographien!
Und in Israel zeigte mir Tamar Cohn-Gazit die geretteten, nun sogar auf hebräisch übersetzten und edierten Tagebücher ihres Großvaters Willy Cohn, erschossen in Kaunas im November 1941.



Diese Tagebücher des Breslauer Historikers, die ich auf den Parkbänken zwischen Oper und Neuem Musikforum las, im Japanischen und im Botanischen Garten. Bücher, die die Stadtwahrnehmung grundierten, nicht kulturbeflissen verhübscht, eher beunruhigend. So wie es ist, muss es nicht bleiben, Zivilität ist ein dünner Firnis nur.

Stilistisch am eindringlichsten wohl hat dies (und damit schließt sich der Kreis, denn die Entdeckung dieses Buchs verdanke ich wiederum einer Passage in Roswitha Schiebs literarischem Reiseführer) der Philosoph Günther Anders beschrieben, in seinem Besuch im Hades. Auschwitz und Breslau 1966.

Der 1933 aus Nazi-Deutschland emigrierte Günther Stern, der sich späterhin „Anders“nannte, Ex-Ehemann von Hannah Arendt und einer der wichtigsten Denker der damaligen Zeit, war in jenem Jahr 1966 ins nunmehr polnische Wrocław zurückgekehrt, voller Erinnerungen an das weltzutrauliche Kind, das er einst war – geboren 1902 in einem kaiserlichen Breslau, in dem alles noch in Ordnung schien.

Ein Buch, randvoll inzwischen von meinen Notizen, denn man möchte zitieren und zitieren, all diese präzisen Beobachtungen in wunderbar nuancierter Sprache – ganz so, als wäre Marcel Proust auferstanden, bereichert allerdings um politisches Bewusstsein, geschichtsphilosophische Reflexion und zeitdiagnostische Schärfe. Karussell und Palimpsest der Zeiten – 1902, 1933, 1966 – und nun in diesem Spätsommer 2016 gelesen und dennoch keinen Schwindel verursachend, sondern Klarheit schenkend: Die Gegenwart von heute ist bereits im Moment des Beschreibens Vergangenheit – und Zukunft keine Garantie fortgeführten Friedens.

Breslau/Wrocław und solche Art Bücher: Unschätzbare Lektionen, denen nicht auszuweichen ist.
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Sonntag, 8. Mai 2016

Unterwegs mit Peter Pragal.

Am Wochenende tagte die "Deutsch-Polnische Gesellschaft der Universität Wroclaw (Breslau)" hier in der Stadt und feierte ihr nunmehr 15jähriges Bestehen. Was unter der langjährigen Leitung ihres Präsidenten Prof. Norbert Heisig und seines Vizepräsidenten, des Universitäts-Rektors Prof. Marek Bojarski, für die Alma Mater geleistet wurde, würde wohl jeden Blog-Eintrag sprengen.  Aber auch die Biographien ihrer Mitglieder, Enthusiasten und Experten, sind spannend, und so bin ich auf Stadttour verabredet mit Peter Pragal. Der 1939 in Breslau geborene und 1944 mit Mutter und Geschwistern aus der Stadt geflüchtete spätere Journalist hat eines jener Bücher geschrieben, die mich geradezu magnetisch hierher nach Wroclaw gezogen haben.

Wir sehen uns wieder, mein Schlesierland ist nämlich trotz des nostalgischen Titels keine konventionelle "Ehemaligen"-Prosa, sondern erzählt konzis und spannend von  "der Suche nach Heimat". Als der Autor, damals als Reporter für den Stern, im Jahre 1980 zum ersten Mal in die Stadt zurückkehrte, störte er sich an der kommunistischen Geschichtsklitterung, welche die Jahrhunderte lange deutsche Prägung zu verschweigen trachtete. In der Bundesrepublik rieb er sich gleichzeitig an jenen Heimatvertriebenen, die die Primärursache – den 30. Januar 1933 – am liebsten verdrängten oder doch zumindest relativierten.

In seinem Buch beschreibt Peter Pragal, wie sich in  den seither vergangenen Jahrzehnten die Atmosphäre entspannte – in Polen fiel der Kommunismus und in Deutschland so manche Scheuklappe. "Heute fühle ich mich hier nicht als geduldeter Fremder, sondern als willkommener Gast, der seine Vaterstadt besucht."

Und so beginnt unsere kleine  Tour am Bronze-Torso, der im Schatten der Elisabeth-Kirche an den 1906 in Breslau geborenen und 1945 im KZ ermordeten Nazigegner Pfarrer Bonhoeffer erinnert – die Original-Statue steht in Berlin an der Zionskirche. Pragal, der als Journalist bereits Politiker wie den damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau und den damaligen Bundestagspräsidenten auf Wroclaw-Besuchen begleitet hatte, ist gleichzeitig Faktenkenner und Stadtliebhaber. Woher diese Mischung aus Empathie und Wissen? Erstes mag ein Charakterzug sein, zweites ein Resultat unerschöpflicher Neugier, die zum Beispiel in den Antiquariaten  Wroclaws gestillt (und weiter angefacht) werden kann, wo noch so mancher Schatz aus Breslauer Tagen zu bergen ist.


Was für ein Vergnügen deshalb, mit ihm im Mai-Sonnenlicht über die Oder-Brücke an der Ulica Pomorska zu flanieren und die Geschichte hören, wie er eines Tages im nahe gelegenen Staatsarchiv seine Geburtsurkunde fand. Auch jetzt hat Peter Pragal sie als Kopie dabei, das Original geschrieben in alter  Sütterlin-Schrift. Und dennoch: Kein Kitsch, denn wenn sich für ihn selbst mit dieser unerwarteten Entdeckung die eigene Lebensgeschichte auch gerundet hatte – unzähligen anderen Menschen blieb dieses Glück verwehrt. Und so wechseln wir von seinem Vaterhaus in der heutigen Ulica Jedn. Narodowej in Höhe des ehemaligen Waterloo-Platz auf die gegenüberliegende Straßenseite und betrachten vor Hausnummer 95 die vier "Stolpersteine", die dem Andenken von vier Breslauer Juden gewidmet sind. Nur einer überlebte Dank des"Kindertransportes" nach England, die anderen wurden 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.






Nicht etwa politische Korrektheit führt unsere Schritte, und auch keine Mission. Um was es geht, ist die Vergegenwärtigung der Vergangenheit, ohne Verantwortlichkeiten zu verwischen, ohne in die Fallstricke selektiver Erinnerung zu geraten. Und keine moralische Großtat ist dies, sondern pure Selbstverständlichkeit. Wie bewegend, mit jemandem, der hier 1939 geboren wurde, durch die gegenwärtige, sich so frühsommerlich präsentierende Stadt zu gehen, und die urbane Schönheit nicht gegen das einstige Geschehen auszuspielen, keine Deklamations-Worte zu machen, sondern einfach zu schauen. Vielen Dank, lieber Peter Pragal!
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