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Mittwoch, 14. September 2016

Der Stadtschreiber sagt Danke (II)


Die fünf ereignisreichen Monate in Wrocław/Breslau enden auf höchst ambivalente Weise, und vielleicht ist das auch gut so: Nur  keine Idyllen-Pinselei im gegenwärtigen Europa!

Doch wie nobel war die Absicht der Ausstellungsmacher gewesen, in der Fußgängerzone der Ulica Świdnicka in Schautafeln an den antikommunistischen Freiheitskampf der achtziger Jahre zu erinnern. Hatte man die Rechnung ohne die Freiheitsfeinde von heute gemacht? Über Nacht hatten Extremisten die großformatigen Fotografien beschmiert und – in denunziatorischer Absicht – auf die Stirn von Lech Wałęsa den Davidstern gekritzelt. Auf diese Weise ebenfalls gezeichnet wurden die legendären Wrocławer Solidarność-Aktivisten Władysław Frasyniuk und Józef Pinior. Frasyniuk, der in den Jahren des Kriegsrechts der Verhaftung entwischte und den Widerstand aus dem Untergrund heraus organisierte, und Pinior, legendärer Schatzmeister der niederschlesischen Solidarność, der in einem Meisterstück das Gewerkschaftsgeld vor dem Zugriff der staatlichen Repressionsorgane gerettet und beim hiesigen Erzbischof deponiert hatte! 




Auf einer daraufhin zusätzlich aufgestellten Tafel fragten die Organisatoren nach den Gründen dieses Hasses – auf eindringliche, zivile Weise. So wie sich auch im gegenwärtigen Polen bestätigt, was einmal mein alter Freund Ralph Giordano sagte: „Der Hass ist immer auf Seiten der Täter …“ Denn wie bellten sie dann die üblichen „Volksverräter!“-Slogans in ihre Megaphone, jene extremistischen Wałęsa-Hasser, die sich am letzten Freitag nahe der Universität versammelt hatten, um gegen eine Diskussionsveranstaltung mit dem Friedensnobelpreisträger zu protestieren!

Messerdünne Jüngelchen mit schwarzen Krawatten und Armbinden-Symbolen, die ans Hakenkreuz erinnerten, dazu Alte mit Bierwampe – einer von ihnen auch jener Nazi, der vor einiger Zeit mitten auf dem Rynek eine Puppe verbrannt hatte, die einen Juden darstellen sollte …

Aber drinnen im Saale – welch gute, humane Gestimmtheit. Selbstverständlich standing ovations, als schließlich der Held meiner Kindheit und Jugend aufs Podium stapfte, aber keinerlei Hysterie und die öffentliche Aussprache über die gegenwärtige, von der Warschauer Regierung hauptverantwortete Verdächtigungs-Atmosphäre bei aller Besorgnis gelassen und souverän. Und Wałęsa? Machte ein paar Bemerkungen über Kaczynski, verzichtete jedoch auf jegliche Dämonisierung und Apokalyptik: „Vor dreißig Jahren war´s doch viel schlimmer, oder? Und wir haben schließlich trotzdem gesiegt!“ Und als unter dem Ansturm der Publikumsfragen die Saalmikrofone zu krächzen beginnen: „Leute, ich glaub´ fast, Ihr braucht ´nen Elektriker …“






Und wer übersetzte auch das, während der ganze Saal in frohgemutes Lachen ausbrach? Małgorzata Słabicka, während fünf Monate diejenige, die das Sprachfenster dieses Blogs nach Wrocław geöffnet hatte. Wobei sie nicht nur meine ellenlang mäandernden Sätze skrupulös ins Polnische übertrug, sondern auch derart aufmerksam war, im deutschen Original-Text mal dort ein fehlendes Komma, mal da einen abhanden gekommenen Buchstaben zu erspähen. Tausend Dank & Dziekuje, liebe Gosia! (Auch wenn wir, wegen des Schweigens der hiesigen Kulturinstitutionen, uns oftmals fragten, ob wir wohl die einzigen Leser der Texte wären – bis dann zahlreiche individuelle Feedbacks kamen, die erfreuten und erneut motivierten … Deshalb auch diesen Lektüre-Treuen in Polen und Deutschland ein ebenso von Herzen kommendes Dankeschön.)
Cheers !!




Natürlich auch ein großes Dankeschön meinem deutschen Stipendiumsgeber, dem Kulturforum östliches Europa – und dort vor allem André Werner, den Webmaster des Kulturforums und geduldigsten Beantworter auch noch meiner nervendsten Fragen, sobald mich wieder einmal das Digitale zu überfordern drohte;-))

Die Stipendiaten-Wohnung, wo diese Texte entstanden, wurde zur Verfügung gestellt vom hiesigen Künstleraustauschprogramm A-i-R-Wro, das – eine löbliche Aktivität – mich Mitte April zu einem Welcome-Dinner in ein Rynek-Restaurant eingeladen hatte, wo die Angehörigen dieser Institution begeistert Speis und Trank zusprachen und mitunter sogar die eine oder andere Frage an mich richteten. Amüsanter das Nachfolgende, traf ich doch in den Wochen darauf im berühmt-berüchtigten Cactus Club immer wieder jüngere Zeitgenossen, die mich mit Gratis-Wodka, bester Laune und geradezu irrwitzigen Geschichten versorgten, die vielleicht ja später einmal erzählt werden …

Entscheidend aber vor allem die Begegnungen mit Menschen, die das Bild dieser im wahrsten Wortsinn europäischen Kulturstadt geprägt haben – seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, mit langem Atem und Emphase statt „Project-speech“. Da wären etwa der stets gut gelaunte Stadthistoriker Maciej Łagiewski, dem die Wiederentdeckung und neue Wertschätzung des deutschen Kulturerbes maßgeblich mit zu verdanken ist. (Weshalb er von hiesigen Ultranationalisten – feindlichen Zwillingsbrüdern der inzwischen auch in Deutschland frustriert herumtobenden Wutbürger – mitunter so manche Invektive zu hören bekam.)




Da wäre natürlich die jüdische Norwegerin Bente Kahan, deren helles Lachen ich noch jetzt im Ohr habe – und welche Freude, ihr in Abständen immer wieder begegnet zu sein – die mit ihrer Stiftung nicht nur die Synagoge Zum weißen Storch als Erinnerungsort wieder zum Leben erweckte, sondern auch half, das jüdische Leben in Wrocław zu revitalisieren. (Kein Zufall, dass ihr polnischer Ehemann Alexander Gleichgewicht, ehemaliger Solidarność-Aktivist und Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde, einer der ersten war, die an der neuen Stellwand in der Ulica Świdnicka ihre Meinung kundtaten. eine pointierte Kampfansage gegen das Bigotte und gefährlich Lächerliche der gegenwärtigen Hass-Kampagnen.)




Nicht zu vergessen die junge Katarzyna Kurzynoga, die im ehemaligen legendären Oppenheim-Haus am Plac Solny interessierten Besuchern zeigt, wie liebevoll und detailklug Architekten aus einer Beinahe-Bauruine peu á peu ein Begegnungszentrum machen (www.openheim.org)

Stimulierend auch jedesmal der Austausch mit Krzysztof Ruchniewicz vom Willy-Brandt-Zentrum, das sich in einem lauschigen Winkel hinter der Oder befindet, ein Ort voll good vibrations und moderatem Diskurs statt eiferndem Gebell.




Und natürlich wäre da noch Frau Renate Zajączkowska von der Deutschen Sozial-Kulturellen-Gesellschaft, der Organisation der deutschen Minderheit in der Stadt. Als ich die rüstige und vor allem schlagfertige ältere Dame vor ein paar Tagen besuchte, um nachträglich zu ihrem 85. Geburtstag zu gratulieren, zeigte sie mit berechtigtem Stolz auf die zwei gerahmten Gratulationskarten – die eine von der Kanzlerin, die andere vom Bundesaußenminister. (Nebenbei bemerkt: Zwei Politiker, deren Parteien von den Hetzern auf der deutschen Seite der Oder nun bereits seit Monaten mit dem Nazi-Wort „Systemparteien“ belegt werden.)

„Wissen Sie was?“, sagt Frau Renate, deren Frisur auch an diesem Büro-Nachmittag perfekt gewellt ist, „wenn ich an das Elend der 1945 vertriebenen Deutschen denke, wenn ich dann nicht schlafen kann in Erinnerung an Dinge, die ich Ihnen lieber nicht erzähle, wenn all das wieder mal aufsteigt und Bitternis zu verursachen droht … Wissen Sie, was ich mir da sage? ‚Scheiß drauf‘, sag´ ich mir, wälz‘ die alten Dinge nicht dauernd hin und her, sondern sieh zu, dass Deine deutsch-polnischen Enkel weiter in Frieden und Harmonie aufwachsen können. Alles andere führt nämlich zu nichts …“

Welches Schlusswort wäre passender? Zeit für den Stadtschreiber, Adieu, czesc und allen Beteiligten nochmals Dank zu sagen und weiterzuziehen, denn gerade ist ja auch das neue Buch herausgekommen …



„Babylon“ ist hier freilich nicht nur Metapher für das Faszinosum der ethnisch gemischten großen Städte, sondern auch ein freundlicher Ort auf Long Island, den ich einst von einem afroamerikanischen Schaffner in gutturalem englisch hatte ankündigen hören: „Change the train in Babylon“. Während ich inzwischen jedoch an etwas Zusätzliches denken muss: Denn wie wacker dirigierte Frau Ewa Michnik Verdis „Nabucco“ mit der berühmten Gefangenen-Arie, als ich letzten Sommer das erste Mal hierher kam – noch nicht wissend, als ich in der Pause auf dem Balkon des Opernhauses stand, dass mich schon ein Jahr später mein täglicher Stipendiatengang genau hier vorbei führen würde. Ab jetzt also: Wrocław/Breslau on my mind.   

Auf Wiedersehen / Do Widzenia !
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Sonntag, 4. September 2016

Neun Abende des Erinnerns und der Gegenwart: Auf dem Gelände des ehemaligen Freiburger Bahnhofs wird offenbar, was Kunst kann. 

Ein Portal, dessen Neonaufschrift auch nachts flimmert: Wroclaw Swiebodzki. Doch sieht man nur, was man weiß. Und selbst dann... Schwer vorstellbar, dass die rechts und links von Häuserzeilen flankierte Pforte einst den wohl wichtigsten Kopfbahnhof von Breslau präsentierte, eben jenen bereits Mitte des 19. Jahrhunderts errichteten Freiburger Bahnhof. Brachliegendes Areal, an dem sich einst Tragödien abgespielt hatten, jedoch auch vorsichtige Hoffnung keimte. Von hier wurden nach Kriegsende 1945 die ausgesiedelten Deutschen in Richtung Westen abgeschoben, hier aber kamen auch die polnischen Neusiedler an  beide Gruppen Schachfiguren auf dem Feld der (Welt-) Politik. 



Wie erweckt man einen solchen Ort für die Dauer von neun Vorführungs-Abenden wieder zum Leben, ohne dass es gewollt didaktisch wirkt? Ohne – dies vor allem die potentielle Gefahr, die der Berichterstatter zur Premiere ahnte – dass der Schicksalsort lediglich zur Kulisse einer jener hochfahrend-ambitionierten „Installationen“ würde, wie es in ganz Kultur-Europa mittlerweile Routine ist?

Die Sorge freilich war unbegründet, denn was am letzten Augusttag um 17 Uhr begann und am 10. September spätabends enden wird, war das Beste aus beiden Welten: Ästhetik und Politik. Geschichte und Gegenwart. Engagement  und künstlerische Innovation. Nicht zuletzt: Wut und Leichtigkeit.

Was ist da zu sehen? Zuerst einmal Karikaturen, die in einem Vorraum von der Decke baumeln. Nicht alle wirklich gelungen, doch dann: Ein subversives Meisterwerk nach dem anderen, denn im Backstage-Bereich eines zur Bühne umfunktionierten Saals hängen die großartigen Schocker des polnischen Zeichners Marek Raczkowski. Und wer tauchte plötzlich auf, nach einer kurzen Observation meines erfolglosen Versuchs, die Kommentarzeilen und Sprüche zu entziffern? Polnische Leserinnen meines Blogs! Fans vor allem jenes kritischen „Klartext-Monologs“, von dem sie mir lachend zuraunten, neue Freunde in den hiesigen Institutionen hätte ich mir dabei wahrscheinlich nicht gemacht... Perfekt zweisprachig sind sie und nun vor allem daran interessiert, wie meine Übersetzerin wohl jene rüde Bar-Sprache des Monolog-Textes übertragen hätte. Kein Zweifel, dass Frau Slabicka auch dies mit Bravour gelungen sein würde. Weshalb aber – unser aller etwas argwöhnische Frage – dauert es gerade bei diesem Text so lange, bis er auf der polnischen Site meines Blog erscheint, sollen etwa Polen nicht lesen, was Deutsche lesen? Aber Nein, das wäre ja ein ganz und gar abwegiger Zensur-Verdacht, eine paranoide Vorstellung – nicht wahr, nicht wahr? Also jetzt aber erst einmal: Ad hoc-Übersetzungen der Raczkowskischen Karikaturen-Sprüche!



„Schauen Sie mal, hier: Zwei Bayern beim Bier:`Ich würd ja gern rüber fahren und in Polen Land kaufen, hab´ aber Angst, einer von denen nimmt mir derweilen die Arbeit weg.´“ Und, noch einen Zacken schärfer: Antrittsbesuch von vier NATO-Militärs im "neuen" PIS-Polen. Flüstert der eine Einheimische angesichts der multi-ethnischen Abordnung: „Zumindest einer von denen ist weiß!“ Wispert sein Kollege zurück: „Ja, aber er ist Deutscher“. Haha...

Ein Deutscher ist – trotz des französischen Namens – auch der Regisseur Stephan Stroux, der diese gelungene Melange aus Ausstellung, Konzerten, Lesungen, Licht-Installationen und Freiluft-Theater konzipiert hat. Steht dann zu Beginn der ersten Konzerte denkbar unprätentiös, Mineralwasserflasche in der Hand, in der nun zur Bühne gewordenen ehemaligen Bahnhofshalle und erinnert an die Unbehaustheit des Individuums im Strom der Geschichte und Ideologien, spricht über das Wegtreiben oder Herbeiholen von Menschen im Dienste dieser oder jener „Sache“. Wer die üblichen Reden „politisch bewusster“ deutscher Künstler kennt und deren Hang zur Selbstgerechtigkeit, konnte an diesem Abend durchatmen: Stroux´ englisch ohne teutonischen Akzent, weder rhetorische Sprechblasen noch emotionalisiertes Auf-die-Tränendrüsen-Drücken. Lediglich, eingebettet in eine knappe Vorstellung des Projektes, der Hinweis, dass auch polnische Kollegen vom Teatr Polski da sein werden, mit ihren Protestschildern gegen den neuen, ihnen aufoktroyierten Intendanten, einen regierungsnahen Seifenoper-Schauspieler. (Was Stephan Stroux so detailliert aber gar nicht ins Mikrophon sagt, einem jedoch die Schauspieler in den Aufführungspausen mitteilen – mit der Bitte, ihren Protest in diesem Blog zu erwähnen.)


Dann: Ein erstes Konzert. Becircender, aufwühlender Reigen aus christlichem a capella-Gesang (vorgetragen von fünf wunderbaren jungen Leuten des Teatr Zar), jiddische Lieder von Bente Kahan und schließlich  ein das gesamte Publikum mitreißender Sufi-Tanz des seit sieben Jahren in Jelena Gora lebenden Ägypters Ibrahim Mahmoud. (Und auch da – wie um die Relevanz der völker- und religionsverbindenden künstlerischen Freiheit zusätzlich zu aktualisieren – diese Information in der Pause: Ursprünglich eingeladen war ein türkischer Künstler, dem jedoch das Erdogan-Regime den Reisepass verweigert hatte. Realität des Sommers 2016.) Und Kunst nicht als Einlullendes, sondern mit Widerhaken: "Das Schtedl brennt", singt Bente Kahan mit vibrierender Stimme, die transzendiert. Und waren einst - dieser  Gedanke jetzt hier, hier in Wroclaw – nicht nur russische Kosaken und polnische, litauische oder ukrainische Bauern, die über die Jahrhunderte hinweg die jiddischen Schtedl in willkürlichen Abständen immer wieder brennen ließen, sondern... Sondern auch jene deutschen Breslauer, die sich zur SS gemeldet hatten oder als Wehrmacht-Soldaten ihren Teil beitrugen zur versuchten Auslöschung des gesamten jüdischen Volkes.


Und nun: Dieses Lied, voll des Schmerzes, aber auch der Überlebenskraft der Augenzeugen! Und schließlich Ibrahim Mahmouds Tanz – ein Wirbeln und Stoff- und Körperkreisen und die zum Gebet erhobenen Hände nicht Unterordnung signalisierend, sondern Daseinsdankbarkeit! (Riesiger Applaus. Und danach – lustig zu beobachten – all die Sehnsuchtsblicke polnischer Frauen, die angesichts des nun wieder ganz westlich gewandeten, charmanten  Künstlers wahrscheinlich daran erinnert werden, wie sinnlich unbefriedigend es doch ist, in einem ethnisch homogenen Umfeld leben zu müssen anstatt im Vermischten.)


Danach, es ist nun schon dunkel geworden, ein gemeinsames Wandeln entlang der Bildschirme, die in einer weiteren ehemaligen Bahnhofshalle von den Schicksalen der gegenwärtigen Flüchtlinge Zeugnis ablegen: Nicht-Orte und Zwangs-Mobilität an Mittelmeer-Häfen, auf ungarischen und kroatischen Bahnhöfen, auf deutschen Busplätzen.

Schließlich draußen, längs der zugewucherten Gleise: Künstliche Sandspuren erinnern nicht an Beach-Fun, sondern an die Herkunft der Flüchtlinge von heute – jener Flüchtlinge, die Deutschlands AfD ebenso wenig "bei uns" haben möchte wie Polens PIS. In einer kleinen Sandburg steckt die Inschrift "Festung Breslau", Roma-Kinder tollen darin herum, denn längst hat – zur erneuten Überraschung des inzwischen Wein trinkenden und Fingerfood essenden Publikums – der letzte Teil des Abends begonnen, unter dem Titel „Dont be so sure that you are legal“: Und dies wiederum eher zur Beunruhigung der Sinne anstatt als blasses L´art pour l´art.


Flüchtende/Vertriebene/Ankommende auf die Innenwände des Bahnhofsgebäudes projiziert, Damalige mit Baskenmützen und Pappkoffern, dazu Heutige. Ein inquisitionsartiges Defilee mit dem Symbol eines brennenden Herzens erschließt sich nicht sogleich, erhält jedoch Sinn beim nachfolgenden Zwischen-den-Gleisen-Dialog: Menschen beim Streiten über "Identität", beim Propagieren oder Zurückweisen nationalistischer Schimären. Und noch immer, bis zuletzt: Nicht ein Hauch  jener politischen Korrektheit und Gratis-Empörung, die sich beim Weißwein goutieren ließe. Nichts davon an diesem Abend, der bis zum 10. September seine Fortsetzungen finden wird - in weiteren Aufführungen, Konzerten und Prosa-Lesungen, haben doch die Schriftsteller Olga Tokarczuk und Matthias Göritz extra eigene Texte für dieses Projekt geschrieben.


Man wünscht diesem hellwachen Zauber am ehemaligen Freiburger Bahnhof viele, viele Besucher.



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Mittwoch, 6. Juli 2016

Geschichten, die nicht verloren gehen. Ein Nachmittag mit Bente Kahan.

in memoriam Elie Wiesel (September 1928 – Juli 2016)


Die Davidsterne wehen im Sommerwind, der von der ehemaligen Wallstraße, der heutigen Ulica Włodkowica, in den Hof der Synagoge Zum Weißen Storch dringt. Genau dort wehen die Davidsterne, wo einst die Nazis ihren Umschlagplatz hatten, Deportationssammelort für die zum Gastod bestimmten Breslauer Juden. Am Yisrael Chai! 

„Auch Elie, den ich seit meinen Kindertagen kenne, ist es mit zu verdanken, dass es hier wieder eine sichtbare jüdische Präsenz gibt.“ Auf einem studentisch zerschlissenen Sofa in der Küchenecke ihrer Stiftungsräume sitzt die Norwegerin Bente Kahan und versprüht Charme und Elan. „Elie Wiesel war der Schulkamerad meines Vaters im rumänischen Sighet gewesen, und als mir die Idee kam, aus der maroden Synagoge Zum Weißen Storch dieses Wrocław Center for Jewish Culture and Education zu machen, hatte mir auch sein Referenzbrief geholfen. Aber seien wir ehrlich: ein wenig geholfen, denn obwohl Elie allen möglichen Leuten schrieb, dass es mir ernst war mit meinem Projekt, tröpfelte die Unterstützung eine Weile vor sich hin, bis schließlich …“

Weshalb hört man Bente Kahan so gern zu? Weshalb langweilt es bei der Bente Kahan Foundation eben nicht, von Projektgeldern und Sponsoren zu hören, von scheinbar unüberwindlichen, aber schließlich doch überwundenen finanziellen/strukturellen/logistischen/bau- und betriebs- und stiftungsrechtlichen/architektonischen/organisatorischen und Überhaupt-Schwierigkeiten? Weil die modesten Räume der Stiftung in keinem Verhältnis stehen zu ihrer Arbeit, der Riesenleistung, aus einer halben Ruine wieder ein Schmuckstück gemacht zu haben, Gebetsort zu den Hohen Feiertagen und ansonsten frei zugänglicher Ausstellungs- und Konzertraum. 


Weil Bente Kahan in ihrer freundlichen, ironisch-direkten Art pointiert erzählt, wie städtische Unterstützung und ein norwegischer Found (der den Löwenanteil übernimmt) es schließlich ermöglicht hatten, dass der einst von den Nazis als Autowerkstatt und Lager für geraubtes jüdisches Gut missbrauchte Ort wieder zu einem Besuchermagnet geworden ist – zu einem Mehr-als-Museum, einem Ort der Symbiose zwischen religiösen Riten und historischer Reflexion, Theateraufführungen und Musikabenden. Und undenkbar all das ohne den Elan dieser Bente Kahan mit dem kecken Haarschnitt und einem mitreißenden Lachen, das ein bisschen an die junge Wencke Myhre erinnert. Schließlich schreibt und spielt die Frau ihre Theaterstücke selbst, geht mit ihren Mitarbeitern in Schulen, erreicht so Abertausende. Hat nicht nur die Dauerausstellung der Geschichte der schlesischen Juden initiiert, sondern auch Temporäres wie jene Bild-Text-Präsentation jiddisch schreibender Dichterinnen und Arbeiteraktivistinnen, Biographien des 20. Jahrhunderts, die sie dem Vergessen entrissen hat. Und natürlich singt sie, gibt Konzerte. Songs auf deutsch und jiddisch und englisch, auf Ladino und hebräisch sowieso. Und eine ihrer CD´s versammelt vertonte Gedichte des Wrocławer Lyrikers Tadeusz Różewicz.


Nicht unwichtig: Von all dem erzählt Bente Kahan nicht etwa mit der dünnlippigen Man-muss-doch-etwas-tun-Verbitterung, die mitunter deutschen GeschichtsaufklärerInnen eignet in derem „Engagement für das jüdische Volk“. Bente jedoch, norwegische Jüdin mit einem quer durch Europa reichenden, nicht zuletzt chassidisch geprägten Stammbaum, hat solch verhärmte Konvertiten-Attitüde nicht nötig. Bei aller Tragik der Vergangenheit, denn es geht in der Ausstellung und in den Geschichtsprojekten der Synagoge und der Foundation ja nicht allein um die Shoa, sondern auch um die antisemitische Vertreibungswelle von 1968: Die 1958 in Oslo geborene Künstlerin scheint ihre Arbeit auch als (beinahe sportliche)  Herausforderung zu begreifen: Was ist stärker – die Schwerkraft des Vergessens oder die Kraft der Erinnerung, die zum Teil deprimierenden Mühen des bürokratischen Alltags oder die Freude, wenn es Dank von Sponsoren weiterhin gelingt, Juden und Nichtjuden ins Gespräch zu bringen, Geschichten und Biographien zu bewahren, an die Shoah zu erinnern und doch nicht darauf fokussiert zu bleiben, sondern auch die jahrhundertealte Geschichte der Juden in Schlesien zu erzählen. 


Aber … Wie kommt eine Norwegerin ausgerechnet nach Wrocław? (Wieder dieses helle Lachen, die ohnehin sonnenüberfluteten, vor Papieren überquellen Stiftungsräume noch lichter machend.) „Ich hatte an New Yorker und Berliner Bühnen gespielt, im Habima Theater in Tel Aviv, aber was mir immer am Wichtigsten war, war die Verbindung zwischen Kunst und Menschenrechten. Ehe ich mich ab 1990 hauptsächlich der jüdischen Thematik zuwandte, hatte ich in Norwegen Stücke über iranische Flüchtlinge und dergleichen gemacht. Und spürte bei allem Erfolg doch mitunter eine Art gläserne Wand, eine nördliche Irritation angesichts dieser schwarzhaarigen Frau mit ihrem etwas anderen Elan und auch Humor. Na, und dann lernte ich Mitte der achtziger Jahre meinen jetzigen Mann kennen. Vielleicht haben Sie ja von ihm gehört und seinen Antiregierungs-Reden samstags auf dem Rynek. Ich halte mich da selbstverständlich raus und konzentriere mich auf die Stiftungsarbeit, aber …“ 

Aber selbstverständlich ist ihr Ehegatte, gegenwärtiger Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde, stadtbekannt: Der wuchtig wirkende Mann mit dem schönen Namen Aleksander Gleichgewicht ist einer der Hauptredner bei den Demonstrationen, die vor der Gefahr eines neuen Illiberalismus warnen. Steinaltes Geständnis des antitotalitären jüdischen Intellektuellen: Er und sein heute 97 jähriger Vater – auch dieser ein Shoah-Überlebender – hatten die „Säuberungen“ von 1968 erlebt, waren im Wrocław der achtziger Jahre bekannte Solidarność-Aktivisten und kamen schließlich als politische Flüchtlinge nach Norwegen. Wo Aleksander dann Bente kennen lernte, heiratete und nach dem Umbruch von 1989 überzeugen konnte, mit ihm und den gemeinsamen Kindern nach Wrocław zu übersiedeln. Apropos: „Viele der Freunde meines Mannes, die zuvor in der Solidarność-Illegalität gewesen waren, trugen nun Verantwortung in der Stadt – und waren dann ebenfalls gute, hilfreiche Geister, um zumindest die Synagoge Zum weißen Storch wieder lebendig zu machen, da die Nazis ja die unvergleichlich größere, Neue Synagoge am 9. November 1938 bis auf den Grund niedergebrannt hatten.“


Und so ist es jetzt Realität, dass im Hof wieder die Davidsterne wehen. Aus einem der Restaurants, spezialisiert auf osteuropäisch-nahöstlich jüdische Küche, dringt Céline Dions wohl schönstes Chanson, geschrieben von Jean-Jacques Goldman: „La Mémoire d´Abraham“, gefolgt vom rhythmisch packenden „I´m alive“. Ja, die Davidsterne wehen wieder in Wrocław, im ehemaligen Breslau. Zu danken dem Engagement von Bente Kahan und ihren Mitstreitern. Zu danken aber auch jenem Brief, den einst Elie Wiesel, Schulkamerad von Bentes Vater, in alle Welt gesandt hatte. Zichrono livracha. Möge sein Gedenken ein Segen sein. 
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