Mittwoch, 7. September 2016

Herr Orski gibt nicht auf. Über Zensur, die Charakterlosigkeit freundlicher Opportunisten – und den langen Atem der Dichter und Intellektuellen. Ein Besuch bei der legendären Literaturzeitschrift ODRA.




„Zensur“, sagt der 1943 in Lwiw (Lemberg) geborene Mieczysław Orski, Urgestein und Chefredakteur der längst legendären literarischen Monatszeitschrift ODRA, „kommt allen romantischen Grusel-Phantasien zum Trotz nicht etwa als inquisitorischer Sturm daher, sondern als feines Rieseln des Opportunismus und vorauseilenden Gehorsams. Lüge und Wahrheit gemischt, Plausibles und Erfundenes: ‚Ein wichtiger Text, aber bei der gegenwärtigen Papierknappheit … Leider war der zuständige Kollege im Urlaub und inzwischen ist Ihr Beitrag leider nicht mehr aktuell … Aber gewiss doch haben wir das Gedicht abgedruckt, und nur aus Platzgründen ist es auf die hinteren Seiten gerutscht.‘ Wenn solche Landsleute, deren Karriere auf Fleiß, Stille und Verlässlichkeit nach oben aufgebaut ist, ein perfektes Sensorium haben, dann dieses: Ärger mit den Vorgesetzten vermeiden, jegliche Entscheidung mittragen, immer freundlich lächeln. Und die ironische Volte: Oftmals sind diese Männer und Frauen ja auch ganz freundlich, in all ihrer Durchschnittlichkeit durchaus kultiviert und konziliant – bis sie eben von einem Obertier ein Signal bekommen und dann wieder buckeln in all ihrer freundlichen Charakterlosigkeit.“

Spricht Herr Orski – penibel grau gescheiteltes Haar, korrekt gebügeltes kurzärmeliges Hemd – von seinen Erfahrungen im kommunistischen  Polen (wo man ihn bis ´89 mit Argusaugen beobachtet hatte), von der gegenwärtigen PIS-Regierung (die ebenfalls keine allzu großen Sympathien für die Zeitschrift hegt) – oder gar von den Event-Machern im gegenwärtigen Kulturhauptstadt-Jahr, die in diesem Sommer zwar kostspielige „UNESCO-Welthauptstadt des Buchs“-Festivitäten durchzogen, aber die bereits 1961 (sic!) gegründete Intellektuellen-Zeitschrift ODRA völlig ignorierten?



Es geht ineinander über, denn die Charaktere an den jeweiligen Schaltstellen gleichen sich (sonst wären sie ja auch nicht dort gelandet). Was jedoch beinahe entscheidender ist: Mieczysław Orski lässt keine wütende Suada vom Stapel, sondern eine fein schraffierte, von mitfühlender Verachtung durchzogene Beschreibung eines Biotops, das ja auch mir nicht unbekannt ist: Weder vor ´89 in der DDR noch danach im Westen. (Und fast hat man den Eindruck, dass nicht etwa moralischer Furor die Rede des versierten Zeitschriftenmachers grundiert, sondern die Freude an der detail-genauen Darstellung, als gelte es zu sagen: Seht mal her, all Ihr leisen oder lärmigen Projektemacher, Ihr schamlosen Subventionsjäger und grauen Eminenzen – eventuell habt Ihr ja temporär ein winzigkleines Zipfelchen der Macht erhascht, wir aber haben unsere Fähigkeit zur präzisen Beschreibung Eures Tuns und Seins, und die ist ewig, weitergegeben von Generation zu Generation. Intellektuelle Arroganz? Wenn ja – why not?)

In dem Rynek-Häuschen zwischen Ring und einer der lauschig schmalen Rathaus-Passagen herrscht jedenfalls kein mürrisches Grummeln, sondern freudige Betriebsamkeit – immerhin muss, quasi wie seit Urzeiten, auch jetzt die nächste Monatsnummer rechtzeitig fertig werden. In Stil und Layout etwa vergleichbar dem „Merkur“, hat ODRA eine Auflage von 2.000 Exemplaren (was viel ist für eine Intellektuellen-Zeitschrift, die ja darüber hinaus meinungs-stimulierend auch viele sogenannte „Multiplikatoren“ erreicht) und wird seit langem vom „Institut des Buches“ gesponsert, das jedoch kürzlich einen neuen Direktor bekommen hat und wiederum vom Polnischen Kulturministerium …

Herr Orski sieht meine hochgezogenen Augenbrauen und sagt: „Nein, im Moment ist alles ruhig. Noch werden keine Subventionen gekürzt, noch mischt sich niemand in die Texte ein. Aber allein dass ich derlei betonen muss, zum ersten Mal seit 1989 …“



In der Tat ein Alarmzeichen. Andererseits: An ODRA – im kommunistischen Polen weder Samisdat-Zeitschrift noch parteitreues Verlautbarungs-Organ – hatten sich schon die damaligen Bonzen die Zähne ausgebissen. Erzwungene Chefredakteurswechsel, zeitweilige Schließung der Zeitschrift während des Kriegsrechts, dann sogar ein aufoktroyierter Chef, der vom Militär kam: „Aber gerade der war so froh, endlich von den Uniformen weg zu sein und nun in unseren Zimmerchen, voll mit Büchern und Manuskripten, arbeiten zu dürfen! Ein anderer, forscherer und härterer, hielt es in den ODRA-Redaktionsräumen gerade mal ein paar Tage aus – dann bekam er einen Herzschlag und wurde sozusagen in eine andere Welt expediert.“ 

Bei all dem aber lässt Herr Orski weder dröhnendes Lachen hören noch macht er Grimassen oder fischt nach Zigaretten: Nein, dieser Mann ist mit Sicherheit kein Bohémien, und wüsste man nicht um seine jahrzehntelange Zähigkeit im Dienste des freien Wortes, man könnte auch ihn beinahe für einen Bürokraten halten. (Wichtige Lektion deshalb: Habitus-Kritik immer danach, nie beim ersten Anschein, der täuschen könnte.) Auch die Tatsache, dass in ODRA die Gedichte von Adam Zagajewski (der in jungen Jahren sogar einmal kurz der Redaktion angehörte) erscheinen konnten, obwohl der Dichter damals längst im Pariser Exil lebte, wird in Mieczysław Orskis säuberlich aufgeräumten Arbeitszimmer nicht etwa als Schenkelklopf-Schnurre vorgetragen. (Welch ein Unterschied zu jenen halb-offiziellen DDR-Intellektuellen: Wie sie noch heute, inzwischen als lallende Greise, davon schwadronieren, wie sie einst missliebigen Kollegen ein wenig geholfen und die Partei ausgetrickst hätten – tatsächlich oder lediglich in der Erinnerung.)



„Ich möchte Sie nicht mit Details langweilen, aber Fakt ist, dass vieles, was in Warschau nicht erscheinen durfte, hier in Wroclaw bei uns in ODRA gedruckt wurde, ganz offiziell: Texte von Hanna Krall und Andrzej Szczypiorski, von Stanisław Lem und Ryszard Kapuściński. Dabei würde ich nie behaupten, dass wir besonders mutig waren oder gar derart im Fokus der Geheimpolizei gestanden hätten wie die Zeitschrift KULTURA im Pariser Vorort Maisons Laffitte.“

Apropos: Als ich Ende der neunziger Jahre eben dort die steinalten und doch so neugiers-jungen KULTURA-Macher traf, den noblen Jerzy Giedroyc und die wunderbare Zofia Hertz – deren Jahrhundertgesichter eine Karthographie der Zeit – da war doch die gleiche Atmosphäre gewesen: Die konzentrierte und dennoch entspannte Ernsthaftigkeit der Arbeit, Texte akquirieren, schreiben, redigieren, Überschriften und Zwischentitel überdenken … (Angesichts der existentiellen Wucht solcher Begegnungen: Kein Wunder, dass man ab da den eigenen Überdruss nur schwer kaschieren kann, wann immer man mit den Anderen konfrontiert ist, den mediokren Mitläufern, die Mieczysław Orski zu Anfang des Gesprächs so treffend beschrieben hatte.)

Und plötzlich ist da – im Vorraum mit einer Redaktionskollegin in sanftem polnisch flüsternd – noch eine weitere ODRA-Mitbegründerin, die bis heute an Bord ist: Urszula Kozioł, Dichterin des Jahrgangs 1931 und in ihrer souverän-ironischen Vitalität ebenfalls ein gefühltes Menschenleben jünger als all die pseudo-lässigen PR-Frauchen, die mitunter hier in der Stadt meine Wege gekreuzt hatten. Urszula Kozioł, die in einem nuancierten, auf sympathische Weise un petit peu altmodischen Französisch die deutschen Übersetzer ihrer Gedichte lobt, während ich mich sofort an einen ihrer Verse erinnere: „Umgangsformen habe ich nicht/ Umgangsformen will ich nicht haben/ es reicht, Umgangsformen bringen mich ins Grab.“



Dabei wirkt die gutbürgerliche alte Dame ebenfalls nicht wie eine laszive Bohémienne. Ähnlich wie bei Herrn Orski betrifft die Zurückweisung von „Umgangsformen“ wohl lediglich die Smalltalk-Routine der Opportunisten. „Besuchen Sie mich mal“, sagt Frau Kozioł zum Abschied, „auch wenn Sie dann eines Ihrer offiziellen Stipendiaten-Dinner verpassen.“ „Geh´ ich sowieso nie hin …“  „Bien, ce n´est pas une surprise, jeune homme.“

In dieser Gestimmtheit dann wieder die Treppen hinunter getrabt und auf den sonnenhellen Rynek hinaus getreten, in der Hand das neueste ODRA-Exemplar, ein Geschenk von Herrn Orski. Essays, anhand deren Titel ich die regierungskritischen Reflexionen zumindest erraten kann, Texte jüngerer Poeten und dann.. dieses kleine Schwarzweiß-Bildchen. Sechziger Jahre, ein Fluss (die Oder oder die Weichsel?), am Geländer eine Frau mit Minirock und hochtoupiertem Haar, vor ihr in lachender Pose kniend, die zusammengefalteten Hände auf Brusthöhe – ein etwa gleichaltriger junger Mann. Die Bildunterschrift informiert, um wen es sich handelt: Urszula Kozioł, adoriert von Zbigniew Herbert. Zauber und Dauer und Renitenz und Subversion von Geist und Poesie – allen Widrigkeiten zum Trotz. Immerdar, entgegen der Logik aller großsprecherischen Regimes, kleinlichen Kommissionen, Ministerien und Büros. Durch die Zeiten hinweg, stärker als jedes Hindernis – das freie Wort.  Pour toujours. For ever.    
        

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