Samstag, 23. April 2016

"Welchen Plan haben Sie für Ihren Blog?" Die Frage bei der Präsentation meiner Stadtschreiber-Tätigkeit war nicht abgesprochen; ich kannte die Journalistin bis dahin nicht. Ebenso wenig wie meine spontane Antwort Ausweis überbordender Insider-Kenntnis gewesen wäre. Das passende Zitat von Witold Gombrowicz fiel mir nur deshalb ein, weil ich es einem meiner Erzählbände als Motto vorangestellt hatte: "Sie fragen, welchen Plan ich habe? Gar keinen. Ich gehe der Linien der Spannungen nach, verstehen Sie? Ich gehe der Linien der Erregung nach." Die Passage stammt aus Gombrowicz´ "Pornographie", und was in Deutschland vermutlich ein gewisses "Hoho" ausgelöst hätte, sorgte in Wroclaw nicht einmal für ein Hüsteln: Jeder im Publikum schien zu wissen, dass es in diesem Roman nämlich nicht um "das Eine", sondern um "das Andere" geht, um die immer wieder neu zu erlernende Flexibilität des Auges, die Polygamie des Blicks, den Sinn für das stets Fragmentarische der eigenen Wahrnehmung, das ambivalent Palimpsest-Artige des Geschauten. Ausschnitt statt Panorama, beobachten statt erklären. In diesem Sinne: Das wäre "der Plan".

Und was die für einen old fashioned-Autor noch gewöhnungsbedürftige Form eines Internet-Tagebuchs betrifft (die ja durchaus einer ungefilterten "Live-Show" ähneln könnte): Das schnelle Feedback hat auch Vorteile: So schreibt mir mein alter Freund, der einst nach Stasihaft nach Westberlin ausgebürgerte und nun wieder in seiner vogtländischen Heimat lebende Dichter Utz Rachowski, wie der von mir im ersten Blog-Eintrag erwähnte Wroclawer Underground-Poet hieß: Rafal Wojaczek, an den in der Ulica Mikolaja sogar eine kleine Gedenktafel erinnere. Und gewiss müsste es in der Stadt noch viele geben, die sich seiner ebenfalls erinnern. Ergo: Gerade der freischweifende Blick braucht den einen oder anderen Hinweis. Wobei mir der polnischsprechende Utz dennoch keine Hoffnung macht, die Sprache in der kurzen Zeit meines Hierseins auch nur ansatzweise zu verstehen: "Polnisch ist viel schwerer zu erlernen als einst unser gehasstes russisch, mein lieber armer Marko!"
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