Sonntag, 26. Juni 2016

Auf der Liebichshöhe
„Gegenwärtiger Zustand: Halb-Ruine.“ Es klingt ein wenig bedauernd, was da in Reiseführern und auf Websites zu lesen ist.
Für mich ist das hügelige Areal oberhalb des Stadtgrabens und des Auto- und Tramgetöses auf der Ulica Piotra Skargi aber längst zu einem meiner Wrocławer Lieblingsorte geworden.
Man kann hier joggen oder auf einer der Parkbänke lesen oder schauen: Der Blick hinunter durch das sonnengesprenkelte Baumgrün suggeriert einen idyllischen Fluss, und auch sonst scheint auf dem Hügelchen die Zeit still zu stehen. Oder besser im Plural: Die Zeiten. Denn die bereits halb überwucherten Betonreste und bunkerartigen Knuppel stammen doch gewiss aus der kommunistischen Epoche, als die Liebichshöhe in „Partisanenhügel“ umbenannt wurde.

Oder datieren sie stattdessen aus den apokalyptischen Wochen von Anfang 1945, als der Untergrund und die Kasematten der ehemaligen Stadtbefestigung von der Wehrmacht als Standort der irren „Festung Breslau“ missbraucht wurden?






Fest steht, dass das bis heute präsente wunderbare Säulenhalbrund-Belvedere 1867 vom Architekten Karl Schmidt entworfen und vom Kaufmann Adolf Liebich finanziert wurde und in den Jahrzehnten danach ein beliebtes städtisches Ausflugsziel mit Restaurant und „Gartenwirtschaft“ war. Heute ist das längst baufällig gewordene Belvedere von einem Zaum umschlossen, und weil das so ist, suche ich mir oben auf dem Hügel eine kleine Spalte, um mich zwischen Gitter und bröseliger Freitreppenbrüstung hindurch zu zwängen.




Sind nicht gerade deutsche Touristen in der Nähe („Sieht der denn nicht, dass hier der Zutritt untersagt ist?“), umfängt einen bereits auf den Treppenstufen und dann innerhalb des Säulengangs eine noch größere Stille. Doch dann beginnt es auch schon zu wispern: Zurufe aus jener Zeit, in der man für abendliches Ausgehen noch das antiquierte Wort „schwofen“ benutzte und „Mein Fräulein, darf ich Sie zum Tanz bitten?“ sagte und „Fescher Bursch‘, nur nicht so forsch“.

Im leprösen Mauerwerk gurren die Tauben, doch scheinen sie menschliche Stimmen zu haben und von früher zu erzählen. Dasitzen und zuhören, staunen und auch ein wenig schaudern. Denn dieser zum abgesperrten Nicht-Ort gewordene ehemalige Tempel der Lebensfreude ist gleichzeitig auch ein Topos. In den romantischen Gedichten und Erzählungen von Heine, Eichendorff und Uhland beschrieben, dies´ helle Gläserklirren und übermütige Gelächter, das einst auf Schlössern und in prunkvollen Sälen und lauschigen Gärten erklungen war, während jetzt alldort nur noch Ruinen und Ödnis sind.



Adalbert von Chamissos Schloss Boncourt. Arthur Schnitzlers mysteriöse Masken-Villa in der Traumnovelle. Das zaubrische Schloßgut in der Moorlandschaft der französischen Solonge, in dem Der Große Meaulness seine halb geträumten, halb realen Abenteuer lebt. Das zuvor von Swing-Klängen, doch nun von Verlassenheit erfüllte Anwesen des Großen Gatsby. Das Haus in der Calle de los Notarios, in dem man den Ich-Erzähler in Garcia Marquez´ letztem Roman mit zwölf Jahren in die Liebeskunst eingeweiht hatte und der nun, als über Neunzigjähriger, dort nur noch eine Ruine vorfindet, grasbewachsen und übersät von Unrat. Dieses abrupte Entschwinden von Intensität, das auf einmal ganz unwahrscheinlich Gewordene von Augenblicks-Begegnungen (aus Menschen werden Geister). Barock-Lyrik: Wo gestern noch getanzt und der Sinne Sturm/ ist heute schon Moder und Grab.// Wo einst Fleisch sich paarte/ wird itzo sein nur Staub.




Wäre das, sinniere ich, während von Kapitell zu Kapitell Spinnwebfäden gespannt sind, die das Sonnenlicht noch transparenter macht, nicht auch ein Sujet für die beiden Breslauer Poeten Angelus Silesius und Quirinus Kuhlmann gewesen, deren Gedichte ich hier einmal dabei hatte? (Kleine gelbe Reclam-Heftchen, wie gemacht dafür, in die hintere Jeanstasche gesteckt zu werden, auf dass sie nicht hinderlich sind beim Zäune-Überkraxeln und Mauerbrüstungs-Balancieren.) Aber eher nicht: Kuhlmanns ausrufezeichen-affine Hysterien passen nicht so recht zu dieser Atmosphäre, und auch Angelus Silesius´ mitunter beinahe das Pornographische streifende Oh Gott-Anrufungen sind nicht das Richtige – trotz der schrägen Schönheit solcher Verse: Ich bin die Turteldaub/ die Welt ist meine Wüste/ Gott mein Gemahl ist weg: Drumb sitz ich ohn Geniste.




Die Pointe freilich: In manchen Nächten erwacht die alte Liebichshöhe eben dann doch wieder zum Leben, sogar zu einem Nachtleben, wie es das hier zuvor wohl kaum gegeben hatte – ausgerechnet da, wo die alten Festungsgänge und Kasematten waren! Über diesen Club aber ein anderes Mal.


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1 Kommentare:

Zabeena hat gesagt…

Hallo Marko - sehr anregender Beitrag. Mich würde jetzt aber noch weiter interessieren, in genau welchen Erzählungen oder Gedichten von Heine, Eichendorff und Uhland die Liebichshöhe vorkommt.

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