Freitag, 10. Juni 2016

Free Jazz mit Wolfgang Templin.
"Do-da-tek! Do-da-tek!" Natürlich war er es, der am Ende des Konzerts im Vertigo nach "Zu-ga-be!" skandierte. Wrocławs bekanntester Jazz-Club befindet sich in der Ulica Olawska, der ehemaligen Ohlauer Straße, und ebenso natürlich war ich es, der Wolfgang Templin an dessen Bitte vor über zwanzig Jahren erinnerte: Ich solle ihn doch einmal in die Ohlauer Straße in Berlin mitnehmen, wo sich damals der berühmt-berüchtigte Kit Kat Club befunden hatte. Die Bitte damals abschlägig beschieden, und das 1948 geborene Wölfchen, wie ihn seine Freunde aus DDR-Oppositionszeiten nennen, späterhin auch jahrelang nicht gesehen. Von 2010 bis 2013 lebte er mit seiner Frau Christiane in Warschau, wo er das Büro der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung leitete. Nun sind beide wieder mal in Wrocław; als Podiumsdiskutant ist der einst von der polnischen Opposition zutiefst geprägte Ex-DDR-Bürgerrechtler ein häufiger Gast in der Stadt. Und nun unser Wiedersehen: Sofortige Aufnahme aller möglichen Debatten, als hätten wir uns das letzte Mal erst gestern Abend gesehen.

Und obwohl der früher so Wildbärtige jetzt – zumindest an der Oberfläche – einem harmlos-freundlichen Pensionär gleicht: Natürlich ist er es, der mit jenen fortgesetzten "Do-da-tek"-Rufen (und zur Verwunderung des habituell eher nicht-jazzigen) Publikums dann vom Jazz-Trio da oben auf der Bühne sogar noch ein Miles Davis-Stück erzwingt, gefolgt von einem grandiosen Gitarrensolo. 


Der Musiker danach an unserem Dreier-Tisch: Gestatten, Kamil Abt. Geboren in Wrocław, als Kind 1981 mit den Eltern ins ferne Australien ausgewandert, später in Tokyo japanisch gelernt, Uni-Abschlüsse in Politikwissenschaft und anderem Seriösen, nun aber seit drei Jahren wieder hier in der alten Heimat, ganz der Liebe zum Jazz ergeben. Die Zusatz-Informationen kommen freilich nicht von ihm selbst, sondern von den zu Recht stolzen Eltern aus Adelaide, die gerade ebenfalls in der Stadt sind. Und nun an unseren Tisch gelockt von Wölfchens ganz selbstverständlicher Menschenfischerei, die zu DDR-Zeiten die Stasi äußerst misstrauisch gemacht hatte: Da ist einer, der kommuniziert anstatt zu monologisieren, der betreibt angstfreies networking (auch wenn es damals das abscheuliche Nerd-Word noch gar nicht gab.)

Entsprechend sind die Fotos dieses Abends dann auch etwas verruckelt, aber in ihrer Blue note-Ästhetik dem freien Geist des Jazz durchaus angemessen.  


Wolfgang Templin bleibt bei all seinen Fragen nach dem Familienhintergrund des Musikers allerdings derart modest in eigener Sache, das ich ein paar Infos zu ihm nachschiebe, dezent zwischen den georderten Bieren. DDR-Dissident und 1986 Gründer der Ostberliner "Initiative für Frieden und Menschenrechte", die sich im Unterschied zu anderen, eher typisch ostdeutsch-pflichtprotestantischen Grüppchen, auch dafür eingesetzt hatte, dass Menschen die DDR auch verlassen konnten anstatt dort "den Sozialismus zu reformieren". Wer nämlich hatte ihm die reform-marxistischen Flausen beizeiten ausgetrieben? Polen. Die Aufenthalte in Warschau und Wrocław, die Kontakte mit den Aktivisten von "Solidarnosc", "Kämpfender Solidarnosc", "Orangener Alternative", vor allem aber mit der Gruppe "Freiheit und Frieden", die auch Elemente der westlichen Alternativkultur aufnahm.

Ergo: Das Gegenteil eines mono-thematischen Veteranen und so uneitel, dass wiederum ich dann doch erwähnen möchte, dass 2010 im Berliner Reichstag Polens damaliger Staatspräsident Komorowski  Wolfgang Templin mit einer Dankesmedaille ausgezeichnet hatte – für dessen Unterstützung von "Solidarnosc".

"Ach", sagt das Wölfchen beinahe abwehrend, zieht die schmalen Schultern noch ein Stück zusammen, wirft beinahe das Bierglas um, doch die listig-aufmerksamen Äuglein signalisieren, dass ihm dieser Abend eine Riesenfreude macht: Von Ostberlin nach Wrocław nach Australien und retour, Take the A-train, dude!  Im übrigen arbeitet er gerade an einer Piłsudski-Biographie – auch deshalb, um linker Ignoranz und der Instrumentalisierung des berühmten Marschalls durch die Rechtsnationalen eine profunde historische Analyse entgegenzusetzen. (Obwohl er es selbst nicht so hochtrabend formulieren würde.) 



Mitternacht im Vertigo zu Wrocław: Kamil Abt schnappt sich das Gitarren-Futteral, Wölfchen Frau geht noch eine rauchen und der präsidentiell Medaillen-Ausgezeichnete sagt nochmals sein freundliches "Ach", ehe er für uns eine letzte Runde ordert.             
              
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