Samstag, 30. Juli 2016

Erinnerungen bewahren, neugierig bleiben. Ein Nachmittag bei Renate Zajączkowska

Auf dem Weg vom Stadtzentrum hinaus in die Ulica Saperów zeigt der Taxifahrer plötzlich linkerhand, auf den Vorplatz des Sky Tower. „Sehen Sie die Skulptur da, die zerfließende Uhr? Original-Dali! Hat hunderttausend Euro gekostet. Ganz schön teuer die verrinnende Zeit, haha …“

Der ältere Mann spricht ein wenig deutsch, und als ich ihm auf Nachfrage von meinem Blog erzähle, sagt er: „Wissen Sie, wer hier oft auf meinem Rücksitz gesessen hat? Unser Tadeusz Różewicz! Also geben Sie sich Mühe, auch wenn dieser Block keine Lyrik beinhaltet.“ „Blog …“ „Nu ja oder eben so, junger Mann …“


„Tja, die verrinnende Zeit …“, wiederholt Renate Zajączkowska mit klarer Stimme, als ich ihr die Episode erzähle. Die 1931 in einer deutschen Familie in Gleiwitz Geborene kam in den fünfziger Jahren zusammen mit ihrem polnischen Ehemann nach Wrocław; seit über 25 Jahren ist sie im Vorstand der Deutschen Sozial-Kulturellen Gesellschaft (DSKG) tätig, die sie seit acht Jahren auch leitet. Obwohl ihr die knarrende Holztreppe in der altehrwürdigen kleinen Villa in der ruhigen Ulica Saperów manchmal zu schaffen macht, wirkt die inzwischen 85-jährige mindestens ein Jahrzehnt jünger.




„Danke für´s wohlfeile Kompliment“, sagt Frau Renate mit trockenem Humor und stützt sich auf ihren Gehstock, „aber so langsam bin ich die einzige, die sich noch an Vorkrieg, Krieg und Nachkriegszeit erinnert, während mit vielen, die sterben und zeitlebens kaum sprechen wollten, auch die Geschichten verloren gehen – unwiderruflich.“ So etwa jene einer 1945 blutjungen Frau, die in der Apokalypse der „Festung Breslau“ die 1677 in der Krypta der gotischen Gymnasial-Kirche St. Matthias beigesetzten Gebeine von Angelus Silesius heraustragen und an anderer Stelle wieder eingraben musste. „Erst Jahrzehnte später fand sie die Kraft, darüber zu berichten, erinnerte sich nun aber nicht mehr, wo genau die Gebeine des berühmten Barockdichters vergraben lagen.“

Während Renate Zajączkowska sich bestens zu erinnern scheint, damit jedoch äußerst konzentriert umgeht. Also keine privaten Details, als sie dann unten in der weiträumigen Bibliothek bei Kaffee und Kuchen einer jener deutschen Besuchergruppen Rede und Antwort steht, die öfters in der kleinen Villa zu Besuch kommen – Abgeordnete oder ganz einfach politisch interessierte Wrocław-Besucher, Menschen aller Generationen.
Wie professionell sie das macht: Ein kurzer Abriss der Geschichte der deutschen Minderheit in Polen, präzis und ohne jede Sentimentalität. Nur das nachlassende Interesse deutscher Kirchen an den hier in Polen lebenden Deutschen und das fast automatische Abbestellen der zweimal im Jahr erscheinenden „Niederschlesischen Informationen“, sobald in Deutschland ein Schlesier gestorben ist, macht sie ein wenig melancholisch. „Aber gut, das ist der Lauf der Zeit. Die Kinder der Ehemaligen sind nun selbst schon oft Großeltern und haben andere Prioritäten, deren Kinder und Enkel wiederum andere – sinnlos, darüber zu greinen.“ Nur einmal an diesem Sommernachmittag wird ihre Stimme scharf, als einer aus der Besuchergruppe wissen möchte, wie „die Polen“ im Laufe der Jahrzehnte mit „den deutschen Tätern hier“ umgegangen seien.

„Wer hier geblieben ist, war doch gewiss kein Täter! Die, die‘s waren, haben sich doch beizeiten in Richtung Westen abgesetzt!“ Frau Renate, die Komplexität ihrer Biographie verteidigend, während ihre polnische Mitarbeiterin, die im Hintergrund die letzten Details am Kaffeetisch richtet, erst den Kopf schüttelt und mir dann mit schelmisch zugekniffenem Auge das Zeichen des hochgestreckten Daumens macht: Nicht auf den Mund gefallen, unsere Renate!

Was Frau Zajączkowska hier in der Öffentlichkeit nicht erzählt, steht in dem Buch Vergangenheit, die man nicht vergessen kann, das letztes Jahr mit Hilfe des bundesdeutschen Generalkonsulats hier in Wrocław erschien – auf deutsch und polnisch. Auch ihre Lebensgeschichte findet sich in diesem Buch, jedoch – wie auch jene anderer aus der deutschen Minderheit – leider etwas stilistisch ungeschickt und 1:1 aus Gesprächsprotokollen übernommen. Wer von Frau Renate also nur liest und sie weder sieht noch hört, bekommt wahrscheinlich nur einen unvollständigen Eindruck von einer starken Frau, die auch heute noch aktuelle Geschehnisse glasklar analysiert und genau jene Würde der Selbstdistanz hat, die womöglich ja auch eine Strategie ist, mit schlimmen Erfahrungen umzugehen. „Schön, was Sie da sagen mit ‚vollständig‘ und ‚unvollständig‘. Stellt sich nur die Frage, was mein Privates die Leute angeht …“ Ein trockenes Lachen, ein Beiseitewischen der Bemerkung.




Und dennoch herrscht im Hause – jetzt, wo die Besuchergruppe wieder verschwunden ist – keine lähmende Stille, eher frohgemute Umtriebigkeit. Treppauf-treppab, da ist ein junger Deutscher vom Stuttgarter Institut für Auslandsbeziehungen, da sind gleichaltrige Polinnen – um Papiere und Projekte geht es, um Kultur- und Sprach-Aktivitäten, zu planende Veranstaltungen, nicht zu vergessen die Sozialarbeit des finanziell nun keineswegs üppig ausgestatteten Vereins: Im sous-sol der Villa befindet sich auch eine Kleiderkammer, um bedürftigen Pensionären in Wrocław zu helfen. Wie sah wohl deren Leben aus?

Also doch noch einmal zurück zum Buch, wo Frau Renate detaillierter Auskunft gibt, wenngleich auch da jedes Pathos geradezu ostentativ meidend: Die erste Schulerfahrung mit sechs Jahren – alle sangen im Hof die deutsche Hymne, die sie nicht kannte und sich dafür schämte. Die 1945 einmarschierenden Rotarmisten, die sogleich die meisten Männer erschossen – „Wir mussten dann ihre Gräber graben“. Der Vater, der in Kriegsgefangenschaft kommt, aber bald zurückkehrt, die kleine Schwester, die nach dem Krieg eine polnische Schule besucht – „Ich kann mich daran erinnern, wie sie mit der Mutter in Streit geriet, weil sie sagte, dass Stalin ein guter Mensch sei, weil er die Kinder liebe und uns alles gebe.“ Die Eltern, die schließlich nach Deutschland auswandern und beide früh sterben. Renate, die dann in Wrocław außer ihrem polnischen Ehemann, der oft auf Dienstreise war, kaum jemand kannte. Erst als ihre Töchter konfirmiert waren, gab es die ersten Treffen mit den hiesigen ansässigen Deutschen – vom polnischen Teil der Familie akzeptiert. Dann nach 1989 die Arbeit für die DSKG, das Engagement für die Älteren und sozial Schwächeren, die Kulturarbeit für den Verein – bis heute. Punkt. Und keine Sentimentalitäten.

Am Ende – im Gespräch, nicht im Buch – aber dann noch dies: „Die Sache mit der doppelten Staatsbürgerschaft ist bereits für die Enkelgeneration gar nicht mehr so wichtig – Dank der EU. Aber als ich meinen Enkel fragte, für wen er bei der EM mitgefiebert habe, sagte er: ‚Mit dem Verstand für Deutschland, mit dem Herz für Polen.‘“

Renate  Zajączkowska aber hat sich noch etwas ganz Besonderes aufgehoben. Zum Abschied bekomme ich als Geschenk einen Gedichtband eines ehemaligen, 2012 verstorbenen DSKG-Mitglieds. Jene Eva Maria Jakubek mag literarisch vielleicht nicht ganz in der Różewicz-Liga geschrieben haben, aber wie berührend sind ihre tief empfundenen Verse, von denen die besten mitunter sogar ein wenig an Mascha Kaléko erinnern.
Zwei Dimensionen. Ich lebe in zwei Dimensionen/ der Sprache:/ die eine- vertraut,/ in die Wiege gelegt, / die andere – erkämpft./ im Zwange des Alltags./ Die eine – geliebt -/ die andere – verhasst …/ solange ich sie nicht kannte./ Dann stieß sie mir auf die Tür/ zu der anderen Welt, / die ich staunend betrat …/wie anders die Sitten, /die Kunst, die Kultur,/ die Geschichte -/ wer bin ich,/ sie zu verachten?/ Ihre Helden und Mythen, /die Traditionen-/ nun schon vertraut/ im Fliehen der Jahre. /Ich lebe in zwei Dimensionen -/ nicht nur der Sprache:/ hin und her schwebe ich/ auf unsichtbaren Steg -/ zuhause jetzt hier und dort.

Ist das nicht wunderschön? Eine Absage auch an jenen (Kultur-)Nationalismus, der nur das angeblich „Eigene“ schätzt (aber was wäre schon „das Eigene“, angeblich Unvermischte) und das „Andere“ verachtet. In den Versen der unbekannten Gelegenheitsdichterin – und in der Atmosphäre dieser kleinen Villa in der Ulica Saperów, in der ganz selbstverständlich deutsch und polnisch zu hören ist – scheint etwas anderes auf, eine gute Gestimmtheit, ein liedhafter Reim, der im Gedächtnis bleibt: 
„Man glaubt, es gab nur eine Liebe/ und eine Heimat – wo die Wiege -/ Oh nein – es gibt auf jeden Fall/ immer noch ein nächstes Mal …

„Freut mich, dass es Ihnen gefällt“, sagt Frau Renate. Und lächelt. Ein fester Händedruck zum Abschied. „Wenn Sie mal wieder hierher kommen wollen … gern. So manche Geschichten wären noch zu erzählen.“

Ganz gewiss werde ich hierher noch einmal zurückkommen. Vorbei am Sky Tower mit der Dali-Uhr und der geschmolzenen Zeit, die ja dennoch fortbesteht.
 

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