Dienstag, 19. Juli 2016

Rondo Veneziano? Rondo Reagana!


Notizen, wie sie Freude machen:

Aus Richtung der Jahrhunderthalle kommend, in der Sommerhitze in der Tram Nr. 4 eingedöst und erst wieder wach geworden, als die Stara Odra/Alte Oder längst überquert ist und die Wagen im Gleisgewirr ins Ruckeln kommen. Nicht, dass die Tram ihre Richtung geändert hätte. Nicht, dass es da draußen etwas zu sehen gäbe, da das vorstädtische Grün verschwunden ist und unansehnlichen Häusern, viel Beton und Asphalt Platz gemacht hat. Und die gleiche Station, deren Namen ich bereits beim Hinfahrt auf dem Fensterschild im Wageninneren gesehen hatte: Rondo Reagana.

Da hatte ich mich noch vage über die seltsame Namensgebung gewundert. Rondo Reagana? Eine Hommage auf´s Reagenz-Glas? Eine Wrocławer Version des Rondo Veneziano? Eine Anspielung auf Kasimierz Brandys‘ wunderbaren Roman Rondo?

Während die Tram zur Jahrhunderthalle hingezuckelt war, hatte ich – die Assoziationsmaschine läuft halt immerdar – sogar an die DDR-Kaffeesorte RONDO gedacht, die während der „Kaffeekrise“ 1977 plötzlich viel teurer geworden war – das Kind von einst hatte den ärgerlichen Unterhaltungen der Erwachsenen gelauscht. Nach 1989 kam dann heraus, wie die SED das Problem behoben hatte: Blaue Bohnen in Gestalt von Waffen für Äthiopiens Diktator Mengistu, der im Gegenzug der DDR verbilligte braune Kaffee-Bohnen schickte.

Doch nun auf der Rückfahrt, draußen hinter dem schlierigen Tram-Fenster der vollständige Stationsname: Rondo Ronalda Reagana! Wow … Dadaistische Alliterations-Orgie, in der in anderen Sprachen feminin anmutenden Wortbeugung womöglich sogar ein heißer Gag-Kandidat, sollte Tony Kushners Reagan-kritisches AIDS-Stück Angels in America noch einmal aufgeführt werden.

Rondo Ronalda Reagana …
  Das zweite Wow! (längst hat die Tram die Grunwaldzki-Brücke überquert) aber ist eines des Respekts: Chapeau einer historischen Erinnerung, die – anders als in Deutschland – den Zerfall der Sowjetunion nicht allein mit Gorbatschows Rückzugspolitik assoziiert, sondern mit Ronald Reagans nicht gänzlich risikoloser, aber letztlich erfolgreicher Politik, das rote Reich zu Tode zu rüsten und auf der Westseite der Berliner Mauer jene Worte zu rufen, die bundesdeutsche „Realisten“ damals derart bespöttelt hatten: „Mr. Gorbatschow, tear down this wall!“

Wie gut also, dass es dieses Rondo gibt – als Widerhaken auch für ein allzu politisch korrektes deutsches Bewusstsein, das solch ein Rondo wahrscheinlich noch immer für einen Skandal hält. Freilich wäre auch daran zu erinnern, dass der gleiche Ronald Reagan, der für Ostmitteleuropa nur Gutes gebracht hatte, gleichzeitig in Lateinamerika jene üblen faschistoiden Oligarchen-Regimes unterstützte, die Gewerkschafter, Intellektuelle und Priester – ergo die dortigen Walesas, Kurons, Michniks und Popieluszkos – entführen und massakrieren ließen. (Genau diese Ambivalenzen aushalten, ohne aufzurechnen/zu relativieren/ in eindimensionaler Lesart verharren …)

Rondo Ronalda Reagana …Gab mir zu denken, erfreute und provozierte zugleich. Und beinahe hätte ich  darüber vergessen, an der Swidnicka auszusteigen, um mir in der „Bar Barbara“ einen schönen kühlen Eiskaffee zu gönnen.
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