Montag, 1. August 2016

Karate-Piotrs Gespür für Max Herrmann-Neiße. Eine Begegnung

Nein, er war nicht dabei, als im April gegen Ende meiner „Inauguration“ als Stadtschreiber plötzlich eine Menge Leute herum zu wuseln begannen, die mir zwar keinerlei Fragen stellten, mich jedoch als eine Art Abwurfstelle für ihre diversen Visitenkarten betrachteten. Kein Wunder: Erstens ist dieser Piotr Stronciwilk nicht von dieser Art, zweitens besitzt er gar keine Visitenkarten. (Ebenso wenig wie ich, wenn man die mir damals zugesteckten nicht mitzählt, da deren Rückseiten alsbald praktische Verwendung fanden als Biedronka-Einkaufszettel.) Nun, ein paar Monate später, wollte es der Zufall, dass ich ein älteres Heft von „Elixier“, der Zeitschrift der hiesigen Germanisten-Studenten, in die Hände bekam. darin Gedichte von Max Herrmann-Neiße, im deutschen Original und in polnischer Übersetzung.

„Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen …“ 1886 im schlesischen Neiße (dem heutigen Nysa) geboren, Literatur-Star der Weimarer Republik, dann 1933 ins Exil getrieben und 1941 verarmt und vereinsamt in London gestorben, hatte dieser vom Leben wahrlich nicht sonderlich Beschenkte den Exil-PEN mitbegründet, der heute „PEN-Club deutschsprachiger Autoren im Ausland“ heißt – als dankbares Mitglied dieser noblen Vereinigung weiß ich, wie viel wir Heutige diesem tapferen Dichter verdanken. Und obwohl ich kein polnisch verstehe, konnte ich, zunehmend gerührt in dem Heft blätternd, doch sehen, wie die jungen Germanistik-Studenten und Studentinnen Herrmann-Neißes liedhaftes Versmaß in ihre Sprache übersetzt hatten, wunderbare Fährleute, die allesamt erst Ende der achtziger Jahre geboren waren. Deshalb ein ganz großes Kompliment an Natalia Domagala, Justyna Helm, Monika Klich, Katarzyna Kurka und Julianna Redlich!

„Einsam treiben wir von Land zu Lande,/ überall der ungebetene Gast./ Einsam bleiben wir, der Heimat Schande/ beugt den Rücken uns mit schwerer Last … Z wyspy na wyspę dryfujemy,/ Goście niemili, nieproszeni,/ A hańby kraju ciężar niemy/ Zgina nam karki aż do ziemi.“

Aber da gab es doch noch einen sechsten Germanistik-Studenten, nämlich den 1988 in Głubczyce geborenen Piotr Stronciwilk, von dem es in der Kurz-Biographie hieß: „Ein wichtiger Bestandteil seines Lebens ist der Sport, hauptsächlich Karate. Er ist Mitglied des Karate-Teams der Universität Wrocław.“

Ein Karate-Typ als Übersetzer des kleinwüchsigen lebenslangen Außenseiters Max Herrmann-Neiße, ein Sportler, der „Des Dichters Unendlichkeit“ und „Sturm“ ins Polnische übertragen hatte und ich auch bei diesen Gedichten das schmerzlich Leicht-Liedhafte des Originals wieder zu erkennen glaubte?

Wie gut, dass es Facebook gibt! Wie gut, dass dieser Piotr auch sogleich Zeit hatte und sich mit mir verabredete – zum Glück nicht in einem standesgemäßen Literaten-Café, sondern in einer richtigen Trottoir-Bierkneipe unterhalb der Bahnschienen nahe der Arkady Wrocławskie. Auftritt eines denkbar unprätentiösen Muskelmannes mit Oberarm-Tattoo und Secondhand-T-Shirt, der vorgibt, die bewundernden Blicke der an den Nachbartischen sitzenden Frauen nicht wahrzunehmen, die diesen Piotr natürlich mit den Bierbauchwesen vergleichen, die an ihrer Seite klumpen.




„Warum lachst du?“, fragt der freundliche Germanist, der bereits Volker Braun und Goethe und Klaus Theweleit übersetzt hatte und Ende August seine Verlobte heiraten wird – auch sie eine Karate-Begeisterte. Ich weiche ein wenig aus, aber auf der Netzhaut war just eben dieses Bild: Karate-Piotr im Kreis Berliner Germanistinnen – streng wirkender Frauen mit Doppelnamen und Silberschmuck bzw. jüngerer, in Sackleinen Gekleideter und mit „Genderforschung“ beschäftigt. Ob sie ihn auch so ausgehungert angehimmelt und Vergleiche gezogen hätten zu ihren Partnern, amorph spargeldünnen Institutionsmitarbeitern mit einer Präferenz für Latte Macchiato mit Sojamilch und stets auf der verzweifelten Suche nach „Drittmitteln“?

Schließlich kann ich mein Lachen nicht mehr unterdrücken und erzähle die Vision. Karate-Piotr, Träger des braunen Gürtels, aber sagt nur „Yo“, zündet sich eine weitere Zigarette an und ist wieder bei der ungleich entscheidenderen Frage, wie ein Gedicht aus Goethes „West-östlichen Divan“ adäquat ins Polnische zu übersetzen sei, da der darin bedichtete Atem-Austausch zwischen Gott und Mensch schon bei der kleinsten sprachlichen Abweichung einen ganz anderen philosophischen Dreh bekäme. Yo, man!

Piotr, der irgendwann über seine Verlobte sagt. „Sie hat das gleiche wie ich – ein Frühwarnsystem, wenn Leute Bullshit reden. Dann gibt´s contra.“

Der feinsinnige Muskel-Mann (und Raucher!) mit dem Gespür für Karate-Griff und Versmaß, der weder das eine noch das andere forciert betont. (Angesichts solch unangestrengt cooler und empathisch-sensibler Menschen: Was für eine Fallhöhe, wenn man dann wieder schmallippige Fake-Wesen ertragen muss.) Was für ein toller Abend also, obwohl danach von all dem Bier und den Zigaretten meine Stimme fast Leonard Cohensche Tiefen erreicht.

„Apropos Leonard Cohen! Nicht nur ein genialer Musiker, auch ein großer Dichter, dunkler Visionär. Und …“ Und weiter geht unser Gespräch über Lyrik und die Welt, bis es fast Mitternacht ist. Dazu diese ein wenig hellere Vision: Irgendwo auf Wolke Sieben sitzt das bucklicht Männlein Max Herrmann-Neiße, der hier unten auf unserer Erde diese mitunter nahezu göttlichen Verse schrieb und das Unglück hatte, zeitlebens ein Unbehauster zu sein. Ich stelle mir vor, wie er hinunter auf die Gleise und das Trottoir von Wrocław blickt und uns zuhört. Hoffen wir, dass Karate-Piotr und der Stadtschreiber ihn nicht enttäuscht haben, denn wenn einer ebenfalls ein sprachliches Frühwarnsystem gegen Bullshit hatte, dann war es dieser unsterbliche Dichter aus Neiße, heute Nysa.   
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