Mittwoch, 24. August 2016

Von Breslau in den Kibbuz. Stadtschreiber on tour (III)

„Hallo Marko...Dann nehmen Sie doch am besten den 10:51-Bus von der Arlosoroff-Station in Tel Aviv und kommen dann 12:40 in unserem schönen Hügel-Ort Kiryat Tivon an. Ich hole Sie ab, mein Mann kümmert sich derweil ums Mittagessen, und wir beide freuen uns schon. Herzlichst, Tamar.“

So „geht das eben in Israel: Vermittelt durch die Historikerin Katharina Friedla die Enkelin des Breslauer Tagebuch-Chronisten Willy Cohn anmailen, dann sogleich von jener Dr. Tamar Cohn-Gazit empathische Antwort erhalten und kurz darauf mal so eben das halbe, winzige Land von Süd nach Nord durchqueren in bequemer zweistündiger Überlandbusfahrt. Eine Intellektuellen-Herzlichkeit und häusliche Spontanität ist das, die mir – der Ehrlichkeit halber muss es einmal gesagt werden – während der bisherigen vier Monate in Wroclaw kaum begegnet ist und die auch im wichtigtuerischen „Terminplan-Abgleichen“-Berlin fast nur unter denen zu finden ist, die sich bereits kennen. Nun aber bin ich hier, Sonnenstrahlen pfeilen auf den weich gewordenen Asphalt der Bus-Station, und im Schatten eines Mäuerchens steht ein jüdischer Afroamerikaner und singt mit Unterstützung einer Sound-Maschine Ray-Charles-Songs ins Mikrophon, so dass ich – der Bus wird hupen, aber warten – voller Bewunderung stehen bleibe, Seite an Seite mit einem Soldaten, der sich nach meinem Fahrtziel erkundigt. „Kiryat Tivon? Was für eine Idylle! Wusstest Du, dass Bibis Sara dort zur Schule gegangen ist und die Leute im Ort noch heute über das anmaßende, tumbe Girl spotten? Anyway, ich muss weiter...“ Zur Erklärung: Gemeint ist Sara Netanyahu, die Frau des gegenwärtigen Premiers Benjamin „Bibi“ Netanyahu.



Im Bus dann weiter die Lektüre von Willy Cohns „Kein Recht – nirgends. Breslauer Tagebücher 1933-1941“, deren skrupulöse Intensität den Aufzeichnungen Victor Klemperers in nichts nachsteht. Denn er war ja hier gewesen, im damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina, hatte im Frühjahr 1937 die Möglichkeit erkundet, sich mit der Familie hier anzusiedeln. Ein Besuch im Kibbuz Giwath Brenner bei seinem 1935 auf eigene Faust ausgewanderten Sohn Ernst (dem späteren Vater der Historikerin, die ich besuche werde),  Abstecher nach Haifa, Tiberias und Jerusalem (wo er am Deutschen Generalkonsulat die Hakenkreuzfahne wehen sieht). Ein Ausflug auch nach Tel Aviv, auf die Allenby Street, die damalige Prachtstraße der ab 1909 mit einem Spatenstich dem Dünensand abgerungenen Mittelmeer-Stadt. Und der bereits 1933 aus dem Schuldienst vertriebene Lehrer, gottesgläubige Sozialdemokrat und liberale Intellektuelle, der hier im Lande mit seiner Breslauer Geistesausbildung keine Chance sieht, die Familie lebenspraktisch zu ernähren: Wie er dennoch in seinen Aufzeichnungen plötzlich ganz gelöst, ja beglückt wirkt angesichts der Sonne und des Strandes, im Kontakt mit großherzigen Menschen von unprätentiöser Würde, die ihr Schicksal in die eigene Hand genommen haben. „Überall aufbauende Arbeit. Im Kibbuz zeigt mir mein Sohn Ernst den neu entstandenen Garten und die Baumschulen. Am Abend ist dann Ausleihstunde, und viele der Kibbuzniks machen von den bereits reichen Beständen der Bibliothek Gebrauch. Wie es mich reizen würde, hier zu bleiben!“ Ach um G-ttes Willen, lieber Herr Cohn, möchte man ihm über die Jahrzehnte zurufen, lieber Herr Dr. Studienrat Cohn, so bleiben Sie doch hier, bleiben Sie hier, irgendeine Arbeitsmöglichkeit findet sich immer, da in Ihrer geliebten Heimatstadt Breslau ja schon die Mordpläne geschmiedet werden, Sie und die Ihren ums Leben zu bringen!



„Ach, was soll man sagen, er war eben ein Jecke, ein deutscher Jude, und angekettet an das von ihm so verehrte Deutschland, unfähig, sich eine Existenz außerhalb von Breslau vorzustellen, wo man ihn doch ab 1933 immer mehr an den Rand gedrängt hatte.“ Mittagstisch-Gespräch in einem freundlichen Bungalow-Häuschen in Kiryat Tivon, wo es inmitten sanften Hügelwindes tatsächlich so idyllisch ist, wie vom Ray-Charles-begeisterten Soldaten vorhergesagt. Harmonischer, grüner Norden Israels!

„Mein Großvater hätte angesichts der Hügel um uns herum wahrscheinlich sogleich an den Zobten gedacht“, sagt die 1947 hier im Lande geborene Tamar Cohn-Gazit mit einem feinen Lächeln, das voller Sympathie ist, mit Nachsicht und Schmerz: Denn nicht hier in Israel beschloss Willy Cohn seine Tage, sondern wurde mit den in Breslau verbliebenen Familienmitgliedern am 25. November 1941 ins litauische Kaunas deportiert und dort vier Tage später erschossen. „Es war ein richtiges Paradeschießen“, würde der für das Massaker verantwortliche  SS-Standartenführer Dr. Jäger (sic!) in einem Protokoll triumphal notieren: Allein an jenem 29. November 1941 1.155 Frauen, 693 Männer und 152 Kinder von deutschen und litauischen SS-Leuten mit Maschinengewehren niedergemäht.


Die Enkelin spricht über ihren Großvater auf englisch. Tamars Mann Amnom, ein ebenso kluger Pensionär und Zubereiter des wundervoll mediterranen Mittagessens, kommentiert, auf deutsch: „Natürlich ist auch meine liebe Gattin noch genug deutsch geprägt, um Perfektionistin zu sein und die Sprache, die sie ein wenig von ihrem Vater Ernst erlernte, aus Furcht vor etwaigen Grammatikfehlern nicht zu sprechen. Aber verstehen tut sie´s ja doch und ist deshalb auch froh, dass seit 2008 den deutschen Lesern die Breslau-Tagebücher ihres Großvaters in einer hervorragend editierten Ausgabe vorliegen, herausgegeben vom 1938 ebenfalls in Breslau geborenen bundesdeutschen Historiker Norbert Conrads.“


Die Geschichte der geretteten Tagebücher: Eine Odyssee. Willy Cohn hatte ab Weltkriegsbeginn 1939, als sich alle Ausreisepläne endgültig zerschlagen hatten, bereits mit dem Schlimmsten gerechnet, sah sich und die Familie in einer tödlichen Falle – und trug Sorge, dass späterhin wenigstens das Tagebuch gerettet würde, mit Hilfe eines mutigen nicht-jüdischen Freundes. Wie viel Zufälle und geradezu aberwitzige Begegnungen und Fügungen, um Kopien des Manuskripts schließlich in die Hände von Ernst Cohn gelangen zu lassen! „Mein Vater hatte sich ja bereits kurz nach seiner Ankunft 1935 von einem schüchternen, bebrillten Jungen zu einem ernsthaften Kibbuznik entwickelt, ein ehemaliger Breslauer Gymnasiast, der sich nun hier als Autodidakt sogar das Traktorfahren beibrachte. Und dann in langen Jahren, nach der harten täglichen Arbeit, die Tagebücher seines Vaters vom Deutschen ins Hebräische übertrug, Wort für Wort.“

Dieser Sohn Willy Cohns – zusammen mit der Schwester Ruth und dem rechtzeitig nach Frankreich entkommenen Bruder Wolfgang einer der ganz wenigen Überlebenden der Familie – muss eine eindrucksvolle Persönlichkeit gewesen sein. Inzwischen sind die drei Geschwister hochbetagt verstorben, und auch Tamar Cohn-Gazit ist längst bereits Großmutter und erwartet in der nächsten Stunde Enkel-Besuch. „Zeit genug für den Film...“ Und so werden – nachdem wir den Esstisch gemeinsam abgeräumt haben, Kibbuz-Ethos ist auch in individualistischeren Zeiten noch immer ansteckend – die Dessert-Früchte auf den Fernsehtisch des weiträumigen Parterrezimmers gestellt und der Videorecorder angeschaltet. Eine Dokumentation der deutschen TV-Journalistin Petra Lidschreiber aus dem Jahre 2008: Noch leben die drei einst dem Holocaust entkommenen Kinder des Historikers, besuchen das heutige Wroclaw, gehen den Spuren ihres Vaters am Rynek nach, stehen dort vor dem einstigen Familienbesitz des Hauses Nr.49. Oder spazieren hier in Israel durch die von Ernst Cohn so liebevoll kultivierte Landschaft, voll schmerzlicher Überlegungen, ob der Vater damals nicht doch... Zu spät.

Aber: Die Tagebücher gerettet. Aber: Der Name Cohn von den Dr. Jägers des Dritten Reichs schließlich doch nicht ausgelöscht. Aber: Plötzlich ein riesiges Tohuwabohu draußen im blühenden Garten, Kinderstimmen. „Marko, das sind sie...“ Und hereingetollt kommen die Ur-Urenkel von Willy Cohn, quirlige kleine Israelis.

„Auch für diese Nachkommen habe ich schließlich die Arbeit meines Vaters Ernst komplettiert und den Band von Willy Cohns Tagebüchern auf hebräisch herausgegeben. Hat ziemliches Aufsehen verursacht. Gut so, denn die Beschreibungen schleichender Diskriminierung, Ausgrenzung und Manipulation, die mein Großvater geliefert hat, sind ja so intensiv und universell gültig, dass man geradezu gezwungen ist, auch Fragen bezüglich der weltweiten Gegenwart zu stellen.“
Apropos, und da – zynisch gesprochen – die heutigen Gutes-Gewissen-Deutschen, geläuterte Nachkommen des Dr. Jäger, so gern (und motiv-psychologisch eindeutiger, als ihnen lieb sein dürfte) die Formel „Man wird ja wohl auch Israel noch kritisieren dürfen“ herunterbeten...


Tamar Cohn-Gazit lacht, ihr Mann seufzt auf. „Keine Bange, das machen wir Israelis schon selbst gar nicht schlecht. Probleme unter den Tisch zu kehren ist kein Bestandteil jüdischer Tradition. Eher schon das Gegenteil...“ Dennoch, bei aller Kritik an der gegenwärtigen Regierung: Es ist ein guter Ort, dieses Kiryat Tivon, im Norden Israels, nahe Haifa, wo die Historikerin lange Jahre gelehrt hatte. Die Hügel gegenüber sind von Drusen und Arabern bewohnt, israelischen Staatsbürgern, deren Parteien im Parlament sitzen. Die Spannung, die in den besetzten Gebieten herrscht, ist hier in Kern-Israel weit weg, man kennt und schätzt einander, in den ehemaligen Kibbuzim, heute zumeist privatisiert, arbeiten Juden und Araber ohnehin kollegial zusammen. Wenn auch, natürlich, stets ein unaufhebbarer Rest von Distanz fortbesteht.

„Vielleicht ist es ja wie bei der Tafel am Rynek 49...“, sagt Tamar Gazit-Cohn und führt den Gedanken nicht weiter aus. Nicht nötig, wo es doch offensichtlich ist: Die Gedenkplakette für ihren Großvater ist auf polnisch und englisch beschriftet – zwei Sprachen, in denen der deutschjüdische Lehrer und Historiker, Frontkämpfer des Ersten Weltkriegs und Mitglied der SPD, nie geschrieben hat. An den Stadthistoriker zu erinnern, ohne dessen Muttersprache noch einmal sichtbar werden zu lassen, ist natürlich absurd. Andererseits: Wer wäre berufen, dies zu kritisieren? Die geläuterten Nachkommen all der unzähligen Dr. Jägers, die sich nun als freundliche Nostalgie-Reisende auf die „deutschen Spuren in Breslau“ begeben, wären gewiss nicht die Richtigen, hier etwaige Korrekturvorschläge anzubringen. Während die ehemaligen Breslauer in Israel schon froh genug sind, dass ihrer Geschichte im jetzigen Wroclaw so umfangreich gedacht wird. Weil es ja auch Wichtigeres gibt als die Sprachen auf Gedenkplaketten – etwa die erfreuliche Tatsache, dass Willy Cohns Tagebücher inzwischen auch auf polnisch übersetzt sind.

„Und Sie wissen, weshalb mir mein Vater Ernst den Vornamen Tamar gegeben hat?“, fragt die Historikerin zum Abschied, ganz wie nebenbei. „Zum Gedenken an seine kleine Schwester Tamara Cohn, eines von 152 Kindern, die bei jenem `Paradeschießen` am 29. November 1941 ermordet wurden. Sie war damals drei Jahre alt. Während ich jetzt schon 66 Jahre älter bin als meine in Litauens Massengräbern verscharrte Tante...“

Israel, Ort der Überlebenden – noch immer. Bewahrtes Bewusstsein von der Fragilität unserer Existenz. Und jene, die uns daran erinnern, von einem solchen Großmut und einer Herzensgüte, das man beinahe weinen möchte vor Freude an der Existenz solcher Menschen. Wie gut, diese Reise von Wroclaw nach Eretz Israel unternommen zu haben!


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