Samstag, 13. August 2016

Unterwegs als Menscher-Fischer: (Beinahe) Atemlos durch die Nacht...


Die Frage war kein Scherz: „Sag, wann triffst du denn endlich unsere Rechtsradikalen?“ Schließlich sei das weltoffene Breslau leider auch ein hotspot der Extremisten, erst kürzlich hätten diese vor dem Rathaus ein Foto des Bürgermeisters Rafal Dutkiewicz verbrannt. Und weshalb, bitte, sollte ich diese Kugelbauch-Typen treffen? „Na weil du der Stadtschreiber bist!“ Café-Gespräche am berückend bunten Rynek oder abends in lauschigen Biergärten am Oderstrand. Die Gesprächspartner - Studenten, Bohémiens und andere erfreulich Polyglotte - scheint nämlich die Sorge umzutreiben, man präsentiere mir in der Stadt womöglich nur die EU-kompatible Sonnenseite und verschweige die gesellschaftlichen Verwerfungen. Außerdem, so eine weitere Bitte, müsse ich irgendwann auch eine hiesige Soziologin treffen, die eine empirisch beglaubigte These vertrete: Die Europäische Kulturhauptstadt Wroclaw, das ehemalige Breslau, sei keineswegs so aufgeschlossen, wie sie sich gern gibt.

Wobei - dialektisch gedacht - allein die Tatsache solcher Gespräche das Gegenteil beweisen könnte. Ganz zu schweigen von meinen abendlichen Club-Touren, da es eben keinesfalls ein offizielles „Besichtigungs-Programm“ für mich gibt und ich diesbezügliche Bitten/Forderungen beizeiten freundlichst, aber deutlich abgelehnt hatte: Da ist etwa Sami Harb, in Warschau lebender junger New Yorker mit libanesischen Wurzeln, der auf den Bühnen polnischer Clubs den Sänger-Tänzer-Entertainer gibt und regelmäßig in Wroclaw auftaucht, am liebsten in jenem Club unterhalb der alten Liebichshöhe, wo sich früher die Kasematten der alten Stadtbefestigung befanden und zu Zeiten der „Festung Breslau“ ein im wahrsten Wortsinn unterirdischer Befehlstand. „Glaub mir, die Stadt und ihre Bewohner sind okay. Ich weiß, wovon ich rede - mit all meinen vorherigen Therapie-Sitzungen in Manhattan, die hier ganz und gar unnötig sind, really.“ (Auch wenn wir dieses Gespräch dann vor allem als Dialog führen, da ich der einzige bin, der Sami beim Zigarette-Rauchen am Ausgang anzusprechen gewagt hatte, während die Einheimischen - zu unserem gemeinsamen, vielleicht nicht ganz fairen, doch absolut milden Amüsement - in etwas anachronistischer Bewunderungs-Distanz verharren und mit großen Augen gucken.) Oder jener smarte Wroclaw-Einwohner aus einem arabischen Land, der im Erdgeschoss des hiesigen Cuba-Cafés bei Enrique-Iglesias-Songs sich als polnisch sprechender Latino präsentiert und mir auf französisch Geheimtipps ins Ohr flüstert, mit welchen Charme- und Rhythmus-Offensiven man hiesige Frauen ihren mitunter doch etwas plumpen, schnell besoffenen boyfriends abspenstig machen könne - zumindest da und dort und für eine Viertelstunde. (Für den Fall, dass die Betrogenen physisch Ärger machen, hat der sanfte Monsieur sogar etwas Pfefferspray dabei, auch bestens geeignet, eventuell am Rynek-Rand herumlungernde Rechtsradikale auf Abstand zu halten.) 




Nicht zu vergessen jener junge Französisch-Übersetzer, der zuvor im von Techno-Sound durchwummerten Cactus-Club noch den oberkörperfreien Jogginghosen-Proll gegeben hatte: Samstagmorgens dann entlang des Stadtgrabens in den neuen Sommertag hineingewankt, machte er plötzlich einen schnellen Ausfallschritt, als nahe des Trottoirs ein Auto vorbeibrauste: „Kurwa, il faut pas finir comme Roland Barthes...“ (Zur Erinnerung: Der Pariser Poststrukturalist war im Februar 1980 nach einem Dîner mit Francois Mitterand beim Straße-Überqueren in einen Kleintransporter gelaufen und an den Folgen des Unfalls gestorben.) Was sind das für Geschichten? Ganz einfach: Sie erzählen von der Sehnsucht nach dem Heterogenen, von einer entspannten Tändelei, die sich mit den Horizonten von Stadt und Vaterland nicht zufriedengibt.  Erzählen von Hedonismus mit Hirn - und ein souveränes Schulterzucken für all jene Unglücklichen, die weder die Leibesfreuden des Cactus-Club noch die Geistes-Euphorie einer präzisen Roland-Barthes-Lektüre kennen. Und die tumben Ultrarechten in ihren ganz anderen Trainingshosen, mit ihren kahlgeschorenen Schädeln und den Bierbäuchen? Auf dem Weg vom Biedronka-Supermarkt in meine Stadtschreiber-Wohnung laufe ich ja bereits regelmäßig an einem ihrer Sympathisanten-Sportläden vorbei, dessen Tür ein riesiges Anti-Merkel-Plakat ziert. An dessen unterem Ende: Durchgestrichene Symbole en masse - vom Euro über Immigranten bis hin zu einer Körperkonstellation, die, unfreiwillig komisch, wohl einen „homosexuellen Akt“ darstellen/verdammen will. Wie trist! Sollten sich lieber, denke ich, ein Beispiel an jenen frohgemuten Happening-Protestlern nehmen, die zur Umbruchszeit ´89 mit diesem, SOLIDARNOSC sinnlich erweiternden Transparent auf Wrocławs Straßen gegangen waren: SEKSUALNOSC! (Haha...)

Resümee: Welche Zeitverschwendung also, würde ich die Extremisten-Leute/Meute treffen. Dann schon lieber die Anderen: Die mit den kritischen Analysen und - dies vor allem - die mit den erotischen Erfahrungen.
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