Mittwoch, 11. Mai 2016

Miss Zuki, Utz, die beiden Ewas & other friends.
Die Buchhandlung "Tajne Komplety" in einem der schön restaurierten Rathaus-Durchgänge ist ein kosmopolitischer Ort par excellence. Wenn man vom Rynek aus in die fast kleinstädtisch stille Gasse kommt, sieht man bereits im Schaufenster, dass hier der freie Geist der Vermischung nicht etwa herrscht, sondern fröhlich weht: Grace Jones erzählt L´histoire d´O und tanzt Polnische Polka. (So soll es sein!)


Im Inneren aber, inmitten von Regalen mit polnischen/deutschen/englischen Büchern (zum Großteil Übersetzungen, die Zusätzliches bieten zu den Werken polnischer/deutscher/englischer Autoren) sitzt mein guter alter Freund, der Lyriker und Prosaautor Utz Rachowski und liest aus seinen Gedichten auf Miss Zuki, poetisches Resultat eines USA-Aufenthaltes in Gettysburg. Sieh an: Utz, 1954 im Vogtland geboren (und nach der einstigen politischen Ausbürgerung nach Westberlin längst wieder in seiner alten Heimat lebend) stapft mit seinen amerikanischen Literaturstudenten über das ehemalige Bürgerkriegs-Schlachtfeld, erinnert sich an Präsident Lincolns legendäre Gettysburg Adress, zitiert Zeilen von Walt Whitman und Carl Sandburg, bedichtet aber vor allem das kleine Hündchen seiner Gastgeber – den Cavalier Prince Charles Spaniel Miss Zuki, der alle weltgeschichtlichen Verwerfungen so herzlich egal sind.

Mit leicht sächsischem Akzent liest Utz die amerikanischen Namen, während seine Übersetzerin Ewa Szymani die gleichen Worte mit sanft polnischer Modulation ausspricht. Unter dem Titel Miss Zuki – czyli Ameryka jest calkiem blisko! sind die Gedichte, drei Jahre nach der deutschen Originalausgabe, inzwischen in einem Wrocławer Verlag erschienen, mit einer empathischen Vorbemerkung von Adam Zagajewski und versehen mit einem einfühlsamen literaturwissenschaftlichen Nachwort der hiesigen Germanistin Ewa Matkowska.



Der ehemals von der Stasi ins Gefängnis geworfene Dichter und das amerikanische Hündchen, durch beruhigendes Schweigen miteinander verbunden, "denn wir beide wurden zu oft angebellt". Kunst aber transformiert vergangenen Schmerz, und so weiten sich die Perspektiven – bis hin zu jenen Zeilen, wo der seit jeher Polen-affine und von der KOR- und Solidarność-Opposition geprägte Dichter davon träumt, mit Miss Zuki irgendwann auch seinen hiesigen Lieblingsort zu besuchen - das Literatka am Rynek.

Nach der Veranstaltung sitzen wir just da: Utz, die beiden Ewas und die Malerin Barbara Jankowska-John, die sich von den Miss Zuki-Gedichten zu originellen Bildern inspirieren ließ (bis zum 17. Juni im Sächsischen Verbindungsbüro am Rynek 7 zu betrachten). Mit von der Partie weitere polnische und deutsche Freunde, darunter Rachowskis Jugendkumpel Salli Sallmann, ebenfalls Dichter und dazu Liedermacher, auch er ein Sachse, auch er aus der Generation meines Vaters (und wie mein Vater mit politischen Hafterfahrungen) – auch er einer der Nicht-Verbitterten, einer von denen, deren Erinnerungsvermögen kein Tunnel ist, sondern Horizont voller Assoziationen. (Ach, denke ich, der 1970 Geborene, hätten doch meine schriftstellernden Altersgenossen – ganz zu schweigen von den lapprig-flauen Jüngeren im konformistischen Nerd-Hornbrillen-Look – auch nur ein Prozent der Vitalität dieser Generation, ihrer politischen Wachheit und menschenfreundlichen Ironie.)


Danach noch bis Mitternacht in einem Biergarten nahe der Elisabeth-Kirche. Utz und Salli auch nach dem x-ten Bier und Wein nicht etwa angeschickert, sondern besonders aufmerksam. Also, lieber Marko, wie steht´s mit Deinem Blog? Dass Du nur nicht auf subjektive Notate verzichtest und stattdessen etwa repräsentative Einträge verbrichst! Utz Rachowski: "Du bist einzig und allein Deinem Blick verpflichtet, also bleib ihm immer treu und lass dich nicht von irgendwelchen In-sti-tu-tio-nen einquirlen. Bist doch wohl nicht hier, um Events zu promoten. und sollten anmaßende oder weinerliche E-Mails kommen - just delete it." (Dies wieder mit hinreißend vogtländisch-sächsischem Akzent.) Dazu Salli, subversiver literarischer Sparring-Partner und aus dem Gedächtnis eines seiner frühen DDR-Gedichte hervorholend, das den Titel "Antwort auf eine Disziplinarmaßnahme" trägt: "Aller Frustration zum Hohn/ sprech ich diesen Vers./ Es blüht der feuerrote Mohn/ auch ohne euch. Das wär´s."

Beifall und großes Hallo, während eine Turmuhr Zwölf schlägt. Und noch ein letzter Draufsetzer, da ja in Santiago de Chile soeben die Genossin Margot Honecker gestorben ist, böse und verbittert bis zuletzt, ohne jegliches Schuldgefühl. Salli Sallmann erzählt, was ihm irgendwann ein junger Westler mitgeteilt hatte: "Sagt der zu mir, Margot Honecker sei doch die Ehefrau von Salvador Allende gewesen, die dieser aus der DDR freigekauft habe. Schade, aber ich musste dem Knaben die Illusion nehmen..."

Was für eine Freude, Freunde wie diese zu haben, alle Pseudo-Autoritäten dieser Welt mit einem Vers beiseite wischend! Kein Wunder, dass Adam Zagajewski Utz Rachowskis Gedichte so mag. Und wohl auch kein Zufall, dass Salli und Utz, die beiden renitenten Ex-DDRler, sich im sommerlichen Wrocław offensichtlich gerade pudelwohl fühlen.
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1 Kommentare:

Sommer hat gesagt…

Vielen Dank für den Beitrag. Toll

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